Prima facie
Die Strafverteidigerin Tessa, aus einfachen Verhältnissen, hat sich in eine elitäre Kanzlei hochgearbeitet und sich in Sprache, Kleidung und Verhalten den Kollegen angepasst. Ihre Fälle geht sie streng juristisch an und merkt erst, als sie selbst
vergewaltigt wird, wie unzureichend das Gesetz ist und wie die Täter fast immer davonkommen. „Prima Facie = dem ersten Anschein nach“ hatte als Theaterstück so großen Erfolg, dass die Autorin, selbst Strafverteidigerin, den Text nun zum Roman ausgeweitet hat, was man ihm anmerkt: Die kurzen Sätze im Präsens, meist mit „Ich ...“ beginnend, sind schlicht, das Vokabular - außer es geht um Juristisches - simpel. Doch handelt es sich um ein hochbrisantes Thema, das so noch nicht dargestellt wurde: Eine Frau und ein Mann gehen aus, tanzen, trinken, gehen nach Hause, haben guten Sex. Aber dann wird es ihr schlecht, und statt ihr zu helfen, vergewaltigt sie der Mann brutal. Juristisch gesehen fast nicht zu beweisen, da Aussage gegen Aussage steht. Als Tessa beschließt, ihren Fall vor Gericht zu bringen, wird die Geschichte zunehmend spannend und lässt die Leser:innen nicht mehr los. Ein herausragender Roman zur #MeToo-Debatte für alle Büchereien.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Prima facie
Suzie Miller
Kjona Verlag (2025)
349 Seiten
kt.