Miserere
Helena Adlers Geschichten, die in diesem postumen Band vorliegen, haben eine persönliche Geschichte. Die kürzeste, „Unter die Erde“, war 2022 im Radio Salzburg zu hören, die anderen, „Ein guter Lapp in Unterjoch“ und „Miserere Melancolia“,
hatte die Autorin für die Klagenfurter Bachmann-Tage 2023 geschrieben, konnte aber aufgrund einer schweren Therapie nicht daran teilnehmen. Verbunden sind die Erzählungen durch das Motiv von Schwermut und Depression. Dieses Motiv hat einen christlichen Ursprung, der auf die Vertonung von Psalm 51 zurückgeht. Dort wird um Gottes Gnade in seiner Güte gebetet. In Adlers Storylines geht es auch um diese religiösen Dimensionen tiefer Traurigkeit, aber vor allem um Zwiegespräche mit dem inneren Dämon, der das Ich dazu nötigt, über Lebenstrauer, Weltüberdruss, eigene Unzulänglichkeit zu sprechen und viele Namen bekommt, „Knecht der Krepierkenntnis“ und „Relikt meiner Traumata“ zum Beispiel. Das ist in hohem Maße sprachvirtuos und anregend erzählt: warum man sich an Lachsalven die Zunge verbrennen kann, wie man in eine Geschichte „hast“, wieso Dauer kein Kriterium für Nähe ist und wann eine existenzielle Erschöpfung mit einer Erlösung endet. Die 1983 geborene und 2024 in Salzburg gestorbene Helena Adler schickt ihre Figuren in die Zumutungen eines Lebens, in dem vom Kirchenglauben über Alpträume und Familienfehden bis zu Festmählern und Stallarbeiten kaum etwas ausgelassen, was Idyllen unter umgekehrten Vorzeichen ausmacht. Empfehlenswert.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Miserere
Helena Adler
Jung und Jung (2024)
71 Seiten
fest geb.