Apfelblütenträume
Der Apfel hat eine lange Geschichte, die weit ins abendländische Denken zurückreicht. Ursula Krechel wirft einen Blick darauf. Ihre Essays befassen sich mit dem Veredeln und Ernten des Apfels, mit Protagonisten und Deutungen von Apfelgeschichten,
mit dem Wirken der Frucht der Erkenntnis. Auftakt der Denkbilder ist ein fabelhaftes Gedicht. „Faksimile eines Naturgefühls“ zeigt die Dichterin zwischen aufgegabelten Versprechungen, gemeingefährlichen Baumideen einerseits und dem Mut andererseits, auf Luthers Wort vom Apfelbaumpflanzen im Wissen um eine untergehende Welt zu vertrauen, auch wenn dieses Zitat schwer nachweisbar ist. Immer wieder wollt der Apfel, so sagt es der letzte Vers, zurück in die Heilige Schrift. In dem brillanten ersten Essay – einem von vier – verfolgt Krechel die Biographie des katholischen Pfarrers Korbinian Aigner, eines findigen und kreativen Pomologen, dem die Erforschung des Apfels wichtiger ist als das Studium theologischer Bücher, der Äpfel züchtet und malt, der sich in den Jahren der Hitler-Diktatur weigert, zu politischen Anlässen die Glocken läuten zu lassen, und Hakenkreuzfahnen ablehnt. Korbinian kommt in Haft, wird nach Dachau deportiert, zwangsarbeitet dort in auf einer „Plantage“, entflieht 1945 aus der Todeskolonne und kehrt in seine bayerische Heimatpfarrei zurück. Ursula Krechel porträtiert den Apfelforscher als Humanisten, der vor falschen Propheten warnt und mit eigenen Züchtungen proaktiv, wie man heute sagen würde, für Sortenvielfalt wirbt. Ein quicklebendiger, inspirierter Essayband, eine Spurenlese von hoher Güte, sehr zu empfehlen.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Apfelblütenträume
Ursula Krechel
Jung und Jung (2026)
157 Seiten : Illustrationen
fest geb.