Als Kind in der KÖB

Dr. Michael Ziemons

Oberbürgermeister der Stadt Aachen

Mit wem waren Sie als Kind in der KÖB und welche war das?

Für uns als Familie gehörte der Besuch der KÖB St. Donatus in Aachen-Brand ganz selbstverständlich zum sonntäglichen Ritual. Nach dem Gottesdienst führte der Weg regelmäßig in die Bücherei und ich bin eigentlich nie nach Hause geradelt, ohne dass mein Fahrradkorb voller Bücher gewesen wäre. Begonnen hat das bereits in der Grundschulzeit und im Grunde hat mich diese Verbindung bis ins Studium begleitet. Eine besondere Erinnerung ist bis heute lebendig geblieben: In der Bücherei gab es neben Büchern, Kassetten und später vielen weiteren Medien stets einen dänischen Butterkeks, den die Büchereileiterin den Kindern mit großem Stolz anbot. Diese kleine Geste gehörte für mich ebenso zur Bücherei wie die Bücher selbst. In Erinnerung geblieben sind mir außerdem die „sprechenden Bücher“ – ein früher Vorläufer der heutigen Hörbücher. Besonders faszinierend war damals der Kassettenschrank mit seinen verschiebbaren Rollläden. Jedes Öffnen war mit der Spannung verbunden, welche neue Geschichte sich wohl dahinter verbergen würde. Dennoch habe ich immer mehr gelesen als gehört.

Gab es ein Lieblingsbuch oder Lieblingsbücher?

Ja, schon früh haben mich vor allem Krimis und Abenteuergeschichten begeistert. Reihen wie „Fünf Freunde“, die „Schwarze 7“ und viele andere – insbesondere aus der Feder Enid Blytons – habe ich regelrecht verschlungen. Diese Bücher haben meine Freude am Lesen nachhaltig geprägt.

Wie hat die Bücherei vor Ort Ihre Lesesozialisation zudem noch geprägt?

Ohne die KÖB vor Ort wäre ich vermutlich nicht in dieser Intensität zum Lesen gekommen. Gerade als Kind wäre es kaum möglich gewesen, regelmäßig die große Stadtbibliothek in der Innenstadt zu besuchen. Deshalb war das wohnortnahe Angebot von unschätzbarem Wert. Lesen ist für mich bis heute die schönste Form der Unterhaltung, und zugleich die beste Möglichkeit, abzuschalten. Nirgendwo kann ich mich so verlieren wie in einem guten Buch und nirgendwo finde ich so leicht Ruhe und Konzentration. Die frühe und selbstverständliche Begegnung mit Literatur, die die KÖB ermöglicht hat, hat meine persönliche Entwicklung deshalb ganz wesentlich geprägt.

Dr. Michael Ziemons
Dr. Michael Ziemons, Oberbürgermeister von Aachen (Foto: Andreas Steindl)

Was bedeutete Ihnen die Katholische Öffentliche Bücherei damals und was bedeutet Sie Ihnen heute?

Als ich zwölf Jahre alt war, durfte ich endlich selbst in der KÖB mitarbeiten. Die damalige Leiterin hatte diese Altersgrenze festgelegt, nachdem ich zuvor immer wieder gefragt hatte, ob ich nicht schon früher helfen dürfe. Am ersten Tag nach meinem zwölften Geburtstag stand ich also voller Vorfreude in der „Bücherinsel“ und begann meinen ehrenamtlichen Dienst. Von 1988 bis 2025 war ich dann in der KÖB St. Donatus in Aachen-Brand aktiv. Deshalb ist sie für mich bis heute ein Stück Heimat geblieben. Das ehrenamtliche Engagement in einer Bücherei gehört für mich zu den schönsten Aufgaben innerhalb einer Kirchengemeinde. Es verbindet Gemeinschaft, Bildung und kulturelle Teilhabe auf besondere Weise. Die Möglichkeit, eigene Leseerfahrungen weiterzugeben, Angebote für andere Menschen zu schaffen und zugleich selbst immer wieder neue Bücher zu entdecken, ist eine wunderbare Kombination. Ich hoffe sehr, dass viele Ehrenamtliche in unseren Gemeinden dies ebenso empfinden.

Herzlichen Dank für das Interview!

Antje Ehmann hat die Fragen gestellt

 

Als Kind in der KÖB

Diese Reihe des Borromäusvereins stellt in loser Folge bis zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 2026 Menschen aus beruflich ganz unterschiedlichen Bereichen vor, die als Kinder oder Erwachsene eng mit der KÖB verbunden waren oder bis heute noch sind.

Teil 1: Eva Maria Welskop-Deffaa
Teil 2: Weihbischof Robert Brahm
Teil 3: Birgit Mock
Teil 4: Dr. Michael Ziemons