Als Kind in der KÖB

Eva Maria Welskop-Deffaa

Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes

Was bedeuten Ihnen Katholische Öffentliche Büchereien, Frau Welskop-Deffaa?

Wie hat die Bücherei vor Ort Ihre Lesesozialisation geprägt?

Meine ersten Erfahrungen mit einer Katholischen Öffentlichen Bücherei hatte ich schon als Kind in Duisburg. In der Pfarrbücherei am Ludgeriplatz … Später folgten meine Jahre in der Büchereileitung der KÖB St. Maria am Brunnen in Hürth. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie mein Leserinnenleben ohne das Angebot der Büchereien verlaufen wäre. Die wichtigste Prägung besteht wohl darin, dass Lesen in einer Bücherei immer beides zugleich ist: ein höchstpersönliches ‚Sich-in-fremde-Welten-Versenken‘ und ein intensiver Austausch mit anderen Lesern und Leserinnen. Lesen in der KÖB verbindet Menschen, es macht Leserinnen zu Freundinnen.

Wie lange waren Sie in der Büchereileitung?

Zwölf Jahre lang habe ich die Katholische Öffentliche Bücherei St. Maria am Brunnen in Hürth geleitet. Das war die Zeit, in der meine Kinder klein waren und ich meine Teilzeitberufstätigkeit beim Katholischen Deutschen Frauenbund in Köln mit dem Familienleben unter den damals normalen Bedingungen – der Kindergarten war ein Halbtagsangebot, die Grundschule entließ die Kinder um 12 Uhr – verband. Ich habe also viele Stunden mit meinen Kindern gemeinsam in der Bücherei verbracht. Wenn wir im Team neue Bücher eingebunden haben, haben die Kinder sich in der Spieleecke vergnügt, und wenn wir den Rosenmontagszug vorbereitet haben, waren die Kinder der Teammitglieder ebenso wie die jungen Leserinnen dabei. Dass wir als „Bücherwurm vom Kirchenturm“ zur schönsten Gruppe im Alstädten-Burbacher Karnevalszug gekürt wurden, war einer der Höhepunkte meiner Zeit in der KÖB.

Wie alt waren Sie und welche Erinnerungen fallen Ihnen noch ein?

Ich war Mitte 30, als ich die Leitung der KÖB im Tandem übernommen habe. Besonders lebendig habe ich unsere Fahrten nach Bonn in Erinnerung. Der Borromäusverein hatte damals noch große Ausstellungsräume und wir konnten die Bücher, die wir pro Quartal für die Bücherei anschafften, direkt vor Ort anschauen. Das waren immer richtige Traumreisen! Wir schwelgten in den Büchern und freuten uns daran, uns die Leserinnen genau vorzustellen, für die wir das eine oder andere Buch auswählten. Wir haben den Bestand der Kinderbücher deutlich ausgebaut. So konnten wir für die Kinder aus dem der KÖB benachbarten sozialen Brennpunktquartier einen Zugang zu Büchern eröffnen, den sie zuhause nie erfahren hätten. Wir kauften damals die ersten Comics, obwohl weder Anni, meine Kollegin in der Leitung, noch ich Comic-Leserinnen waren, und wir hatten damit einen Riesenerfolg! Das Marsupilami eroberte die Herzen der Kinder im Sturm, mit ihm hatten wir deutlich steigende Ausleihzahlen. Sehr gerne erinnere ich mich natürlich auch an die Lesungen, die wir organisiert haben mit so tollen Autorinnen wie Gudrun Pausewang oder Carmen Blazejewski. Mit Carmen hat der Kontakt bis heute gehalten. Ihr Kinderbuch „Das Kinderzimmer vom lieben Gott“ war der Anfang einer wunderbaren Ost-West-Freundschaft.

Eva Maria Welskop-Deffaa
Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes (Foto: DCV)

Gab es ein Lieblingsbuch/Lieblingsbücher?

Jeder von uns im Team hatte seine Lieblingsautorinnen und Lieblingsbücher unter den Neuanschaffungen, aber auch im Bestand. Unter den Büchern, die ich in meiner KÖB schon vorfand und die ich besonders lieben lernte, war Christian Graf von Krockow „Die Stunde der Frauen“. Es gehört zu den Büchern, die – wie Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ – sensibel und anschaulich die Spannung zwischen den Geschlechtern am Ende des Zweiten Weltkriegs einfangen. Die Bücher kommen mir heute vielleicht deswegen wieder in den Sinn, weil die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten näher heranrücken. Wir spüren deutlich, wie sehr Gewalterfahrungen im Krieg persönliche Liebes- und Lebensgeschichten überlagern können.

Was bedeutet Ihnen die Katholische Öffentliche Bücherei heute?

Heute lebe ich in einer Stadt, in der es leider keine KÖB in meiner direkten Umgebung gibt. Aber ich habe als Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes die Chance, in jedem Jahr am bundesweiten Vorlesetag im November in einer Einrichtung des Caritasverbandes vorzulesen. Ich liebe diese Anlässe und jedes Jahr beginne ich die Lesung, indem ich von meiner Zeit als Büchereileitung erzähle. Meine Zeit in der KÖB bedeutet mir – das merke ich auch an den Reaktionen der Zuhörerinnen – weiterhin sehr viel, und ich frage mich, ob ich im Ruhestand wohl Gelegenheit finden werde, noch einmal zu meinem alten Ehrenamt zurückzukehren.

Herzlichen Dank für das Interview!

Antje Ehmann hat die Fragen gestellt

 

Als Kind in der KÖB

Diese Reihe des Borromäusvereins stellt in loser Folge bis zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 2026 Menschen aus beruflich ganz unterschiedlichen Bereichen vor, die als Kinder oder Erwachsene eng mit der KÖB verbunden waren oder bis heute noch sind.

Teil 1: Eva Maria Welskop-Deffaa
Teil 2: Weihbischof Robert Brahm