Der Anruf

Nach der Verhaftung des Dichters Ossip Mandelstam rief Josef Stalin – offensichtlich im Mai 1934 – den Schriftsteller Boris Pasternak an und fragte ihn, was er von Mandelstam halte. Der völlig überraschte Pasternak versäumte es, seinen Kollegen Der Anruf in Schutz zu nehmen, und verhielt sich neutral, was er später zu bereuen schien. Ismail Kadare hat um diesen Anruf herum eine 'Untersuchung' geschrieben, die die gegenseitige Abhängigkeit von Kunst und Politik zu Sowjetzeiten durchleuchtet. Dabei geht er – vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen – auf die Gefahren ein, die gerade auch kultureller Widerstand mit sich brachte. Der 1936 geborene albanische Schriftsteller versucht der Realität hinter den Mythen nahe zu kommen, die sich um den Anruf gebildet haben, in dem er die unterschiedlichen Versionen analysiert, die überliefert sind. Kadare greift dabei auf literarische Quellen ebenso zurück wie auf Informationen, die ihm persönlich zugetragen wurden. Das Buch ist eine mit ironischem Unterton verfasste Aufarbeitung menschlicher Verstrickungen, denen man in Diktaturen, wo Angst und Misstrauen herrschen, kaum entkommen kann. Am Ende wurden sowohl Mandelstam als auch Boris Pasternak, der Verfasser des Romans Dr. Schiwago, Opfer des stalinistischen Terrors. Lesenswert.

Walter Brunhuber

Walter Brunhuber

rezensiert für den Borromäusverein.

Der Anruf

Der Anruf

Ismail Kadare ; aus dem Albanischen von Joachim Röhm
S. FISCHER (2025)

172 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 620021
ISBN 978-3-10-397633-5
9783103976335
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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