Luft zum Leben
Die 85-jährige Berliner Schriftstellerin Helga Schubert versammelt in ihrem Geschichtenband Erzählungen, Vorträge und Aufsätze aus den Jahren 1960 bis heute. Sie schrieb schon immer neben ihrer Arbeit in der Klinik als Psychotherapeutin. Es sind
lakonisch erzählte Geschichten und Essays über das Leben in der DDR, über die Generation der Kriegskinder, mit einer Kindheit in noch offenen Grenzen. Sie schreibt über das zu lange Zögern vor der Ausreise, bis über Nacht die Mauer stand. Doch sie blieb immer in Kontakt zum Westen. So beschreibt sie in „Ansichtskarten“ die Post von denjenigen, die „nach drüben“ ausgereist waren. Diese Erzählung wurde nicht in der DDR veröffentlicht, wie zwei andere. In „Mildernder Umstand“ wird ein Traum beschrieben, in welchem sich eine zum Tode verurteilte Person retten will, indem sie sie für verrückt erklärt. Hierin erkennt man die Erfahrungen der Autorin in der Psychiatrie. Und in „Das verbotene Zimmer“ lockt die Sehnsucht nach dem Westen. Schubert thematisiert die Bespitzelungen und Drohungen. Und doch schaffte sie es, sich in der Situation einzurichten. Im Vorwort betont sie: „Es gibt immer einen Ausweg in eine Rettung, es gibt immer einen Übergang in eine vorher unsichtbare unvorstellbare Lösung“ (S. 9). – Ein beeindruckender Geschichtenreigen.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Luft zum Leben
Helga Schubert
dtv (2025)
285 Seiten
fest geb.