Jeder Tag gehört dem Dieb
Der US-Autor nigerianischer Abstammung beschreibt die Erlebnisse einer Reise in seine ehemalige Heimat Lagos, diesen "Megacity-Moloch". Der Leser folgt dem Erzähler, streift mit ihm durch die Stadt und über ihre Märkte, erlebt ein Land voller Korruption,
mangelndem historischen und kulturellen Bewusstsein, Gewalt von Polizei und Verbrecherbanden gleichermaßen. Die täglichen Stromausfälle und Verkehrsstaus, die nicht funktionierenden öffentlichen Dienste, die ständigen bewaffneten Raubüberfälle zermürben ihn. Der Autor beobachtet voller Sehnsucht und Wut die Zustände im Land, während er überlegt, ob er in dieses Land seiner Sehnsucht zurückkehren kann: "Könnte ich mit der Wut umgehen, die Nigeria in mir auslöst?" Er beobachtet, wie die Eliten den natürlichen Reichtum des Landes veruntreuen und die oft analphabetischen Massen in Armut und Elend halten. Was ihm auffällt, ist die allgemeine Gleichgültigkeit, die moralische Abstumpfung der Menschen. Ein Gedanke jedoch kommt ihm angesichts der Lebensumstände dieses Landes, das er liebt und das ihn in seiner Verkommenheit fassungslos macht: Das Übermaß an Geschichten, auf die man trifft, ist für Cole ein Paradies für Schriftsteller. - Am Ende bekennt er sich zu seiner Zerrissenheit, zu seiner Sehnsucht nach seinem Herkunftsland, in dem er gleichwohl nicht mehr leben könnte: "Ich möchte nicht gehen, doch ich weiß, dass ich nicht bleiben kann." Der durch Fotografien ergänzte schmale Band bietet einen faszinierenden Einblick in das afrikanische Land vor der Radikalisierung durch Boko Haram. (Übers.: Christine Richter-Nilsson)
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Jeder Tag gehört dem Dieb
Teju Cole. Mit Fotogr. des Autors
Hanser Berlin (2015)
173 S. : Ill.
fest geb.