Im ersten Licht
Adrian Reiter ist der Sohn eines österreichischen Briefträgers, der mit den herrschenden Verhältnissen hadert und ein eingefleischter Sozialist und Kriegsgegner ist. Der Sohn soll auf keinen Fall in einen Krieg müssen, weshalb ihn der Vater ernstlich
mit einem Axthieb in einen Unterschenkel verletzt. Tatsächlich wird er dann sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg ausgemustert. Adrian arbeitet im Hotel des Heimatortes. Im Ort ist auch eine große Villa von Wiener Industriellen, in der kriegsverletzte Soldaten gepflegt werden. Eine Reihe davon haben erhebliche Verunstaltungen im Gesicht. Adrian muss immer wieder in die Villa und erlebt die Zerrissenheit dieser zumeist jungen Männer, die sich kaum noch in die Öffentlichkeit wagen. Adrians Vater hat ihm ermöglicht, die Matura abzulegen, und nun studiert er in Wien. Geschichte und Englisch werden auch später an der Schule in Salzburg seine Unterrichtsfächer sein. Er heiratet eine Kollegin, aber die Bindung löst sich bald wieder. Später erfüllt sich Adrian einen Wunsch und fährt nach England. Dort begegnet er zwei Schwestern, deren Bruder im Krieg standrechtlich wegen Feigheit vor dem Feind erschossen wurde. Eine der Frauen, Vivian, befasst sich immer wieder manisch mit diesem Ereignis. Adrian begleitet sie an die Schlachtenorte, es entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, die für Adrian in seinem mittlerweile fortgeschrittenen Alter kaum noch erwartet worden war. – In diesem Roman wird deutlich, wie sehr Lebensläufe durch Gewalt und Tod oftmals zeitlebens geprägt werden. Es gibt regelrechte Charakterstudien, facettenreich, herausfordernd. Bemerkenswert sind die Beschreibungen der Figuren. Der Autor hat mit diesem Blick in die Vergangenheit auch die große Frage der Gegenwart gestellt. Eine Geschichte voller intensiver Schilderungen von Szenen, Milieus, Orten, Schicksalen. Eindringlich und gelegentlich fordernd, nicht immer ganz einfach zu lesen ist dieses Buch, aber die Lektüre lohnt sich allemal.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Im ersten Licht
Norbert Gstrein
Hanser (2026)
410 Seiten
fest geb.