Treue
Dass die ehrenwerte Gesellschaft, die Mafia, ein Patriarchat ist, ist allgemein bekannt. Doch welche Rolle spielen Frauen darin? Roberto Saviano ist dieser Frage nachgegangen und hat die Verhältnisse an einer Reihe von konkreten Beispielen aus dem
Milieu analysiert. In fast allen mafiösen Gesellschaften gilt die Frau als stabilisierender Faktor innerhalb der Familie und damit auch als eine Säule der Macht – vor allem, wenn es um die Geburt eines Nachfolgers geht. Mafiöse Strukturen basieren häufig auf familiären Verhältnissen. Verwandtschaftliche Beziehungen sind die Stützen der Macht, die Ehefrau personifiziert die Ehre des Mannes. Vor allem der Boss eines Mafiaclans muss darauf achten, seine Ehre aufrechtzuerhalten, etwa, wenn seine Frau ihn betrügt, sonst ist er angeschlagen. Verrat und Mord haben hier oft ihre Ursachen. Doch Saviano geht auch auf die Irrationalität der Liebe ein. Die höchsten Mafiabosse werden leichtsinnig, wenn es um ein Treffen mit der Freundin geht. Der Autor geht auch auf die wenigen Beispiele ein, in denen Frauen mafiöse Organisationen anführen, etwa Antonella Marchant in Chile. Roberto Saviano gilt als ausgewiesener Experte in Sachen Mafia. Seit vielen Jahre steht er wegen Morddrohungen durch die Camorra unter Polizeischutz.
Walter Brunhuber
rezensiert für den Borromäusverein.
Treue
Roberto Saviano ; aus dem Italienischen von Anna Leube und [einem weiteren]
Hanser (2025)
268 Seiten
fest geb.