Meine Liebe stirbt nicht
Auch für seinen neuen Roman ging der italienische Journalist, Autor und Mafia-Spezialist Roberto Saviano von einem realen Fall aus, der in den 70er Jahren Polizei und Öffentlichkeit beschäftigte. Rossella Casini schliddert als junge Studentin in
ihrer Heimatstadt Florenz in eine Beziehung mit einem jungen Mann aus Kalabrien hinein und verschwindet vier Jahre später in Süditalien. Immer wieder versuchen die beiden, auch gebremst durch Freunde und Familie, auf Abstand zueinander zu gehen. Hätte Rossella schon die aufklärenden, mahnenden und erschreckenden anderen Bücher des Autors über die Mafia und deren Verfolger lesen können, sie wäre wohl vorsichtiger gewesen, skeptischer gegenüber diesem jungen, höflich und sanft auftretenden Mann, der sie von Anfang an verehrt und begehrt. Zu dieser Zeit war jedoch noch sehr wenig über die kalabrische Mafia bekannt. Und so wird die junge Frau wegen ihrer naiven und reinen Liebe am Ende die Gnadenlosigkeit der Gesetze in diesen Vereinigungen selbst zu spüren bekommen, die für niemanden eine Ausnahme machen, der in ihre Sphäre gerät. – Leidenschaftliche Liebe und unbarmherzige Regeln – sie bilden nicht nur inhaltlich zwei Pole in diesem Roman. Auch sprachlich gelingt es dem Autor nicht ganz, die akribisch recherchierte Entwicklung des Falls und die mit Fakten nicht greifbare Anziehungskraft zwischen Rossella und Francesco miteinander zu verbinden. So stehen nüchtern und stets ortsgetreu unter Angabe von Straßennamen und vielen Details geschilderte Passagen neben solchen, die mit Bildern zu erfassen suchen, welche quasi-magische Macht deren Liebe hat. Planeten und Zahlen werden hier bemüht, Saviano versucht nicht, auf eine psychologische Ebene zu gehen, doch gelingen ihm Szenen, die unter die Haut gehen. Packend und eindrucksvoll ist diese bitter-süße Liebesgeschichte und ein Denkmal für eine junge Frau, die sich geweigert hat, die Gesetze der Mafia als ewiggültig anzuerkennen.
Gabriele Hafner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Meine Liebe stirbt nicht
Roberto Saviano ; aus dem Italienischen von Anna Leube und [einem weiteren]
Hanser (2026)
397 Seiten
fest geb.