Liebe
Ein Roman mit dem Titel „Liebe“: echt jetzt? Aber in dem Buch ist drin, was draufsteht, eine Romanze voller Lust und Leid, mit Hoffnungen und Hindernissen, die Geschichte eines Glücks mit Fragezeichen, die der Autor ebenso kunst- wie humorvoll
durch die Kitschkurven lenkt, denen das Erzählen von Liebe immer ausgesetzt ist. Max trifft Anna. Beide sind um die 60 Jahre alt. Es ist eine Nacht auf einem Bootssteg, abseits eines Sommerfests am Saaler Bodden, als sich die beiden blitzartig näherkommen, ohne dass zunächst viel mehr passiert zwischen den beiden als Gespräche. Dann wechseln WhatsApp-Nachrichten hin und her, zaghaft, aber zielstrebig, beidseits auf mehr aus, obwohl Anna verheiratet ist und kein Hehl daraus macht, dass sie die Komfortzone mit ihrem langweiligen Mann nicht so schnell verlassen möchte. Auf einem leeren Weihnachtsmarkt der erste Kuss, heimliche Zusammenkünfte und familiäre Treffen in Patchworkverhältnissen, ein provozierter Eklat im Yachtclub von Annas Mann. Die ausgesuchten Passagen über Hegels Liebestheorie hätte sich der Autor sparen können; dafür ist aber der Beruf des Protagonisten, der als Okularist künstliche Augen herstellt und restauriert, von hochsymbolischer Bedeutung. Thomas Hettche erzählt innig und eindringlich vom Schicksal der Liebe, deren amour fou-Flow rasch in zärtliche Gesten übergeht und doch nicht restlos glücklich enden kann. Empfehlenswert.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Liebe
Thomas Hettche
Kiepenheuer & Witsch (2026)
165 Seiten
fest geb.