Mein gelbes U-Boot
Mit Ende 50 trifft der namenlose Icherzähler, der schon auf einige erfolgreich veröffentlichte Romane zurückschauen kann, in einem Londoner Park auf Paul McCartney. Er findet keine rechte Ansprache, obwohl die Lieder der Beatles, der Rolling Stones
und von Rod Stewart ihn sein Leben lang begleitet haben. Deren befreienden Texte sowie die für den Erzähler vor Gewalt und Macht strotzenden Textes des Alten Testamente haben sein Leben geprägt. Er hatte diesen Halt nötig, nachdem er mit sieben Jahren seine Mutter verlor und sein Vater ihn mehr oder weniger sich selbst überließ – erschwert durch Kargheit und Wetterwidrigkeiten seines Heimatlandes Island. Den Weg zu Freiheit und Fantasie hatte ihn die Mutter noch gezeigt. Den Bibeltexten kann er erst ausweichen, nachdem die Stiefmutter sein Fernbleiben von freikirchlichen Bibelstunden zustimmend zur Kenntnis nimmt. Aber als Jugendlicher und Heranwachsender braucht er neue Wege. Den Lebensunterhalt verdient er sich als Saisonarbeiter in der Fischindustrie, Lebenssinn erobert er sich durch die Literatur als Meer der Fantasie, die auch der Schweigsamkeit seiner isländischen Umgebung trotzt. – Mit seinem offensichtlich zahlreiche biografische Stationen bearbeitenden Text legt der Autor einen gelegentlich wirren Bildungsroman vor, für dessen tieferes Verständnis Lesende wohl die Lieder der genannten Popsänger kennen sollten. Für ausgebaute Bestände.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Mein gelbes U-Boot
Jón Kalman Stefánsson ; aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Piper (2024)
366 Seiten
fest geb.