Das Wasser wiegt schwerer als die Zeit
Die 8-jährige Dalia erwacht nach einem Unfall in einer Welt, in der alles Vertraute verschwunden und sie allein im „dunklen Tal“ ist. Doch sie wird von einer alten Frau aufgenommen, die sie das Überleben lehrt. Nach deren Tod bricht sie als Jugendliche
auf in die Berge und in das Dorf der Brunnen, wo es noch Wasser geben soll und Menschen, die zueinanderhalten. Es ist eine albtraumartige Landschaft aus Hitze, Trockenheit und sintflutartigen Regenfällen. Dort angekommen wird sie akzeptiert, muss aber beim Schlachter Biagio arbeiten, wo sie in der ekelerregenden Werkstatt toten Kleintieren das Fell abziehen muss. Sie gewöhnt sich an das Dorf mit zwanzig Häusern, in denen 35 Erwachsene und 15 Kinder leben und schließt Freundschaft mit Orsola, einer alten Diva, die in einem verfallenen Hotel lebt. Alle kämpfen ums Überleben, und als dann immer mehr Kinder verschwinden, Missbrauch und die Reste von ermordeten und zerstückelten Kindern entdeckt werden und der Horror ausbricht, ist der fragile Anschein von Frieden zerbrochen. Eine verstörende Parabel vom Versagen einer Gesellschaft, die auf den Schutz der Erde verzichtet und die Klimaveränderung in Kauf genommen hat, mit “verheerenden Konsequenzen für die Schwachen und Unschuldigen”. In eindringlicher Sprache erzählt, ist die Geschichte nur für Lesende mit starken Nerven geeignet – und nach diesem Sommer mit Dürre, hohen Temperaturen und Waldbränden beklemmend aktuell.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Wasser wiegt schwerer als die Zeit
Ginevra Lamberti ; aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Piper (2026)
300 Seiten
fest geb.