Cabo de Gata
Der 2011 durch den Deutschen Buchpreis bekannt gewordene Autor ("In Zeiten des abnehmenden Lichts, s. BP/mp 11/884) erzählt im Rückblick von einer Sinn- und Schaffenskrise. Der Ich-Erzähler lässt sein bisheriges Leben hinter sich und fährt nach
Süden, bis er in dem kleinen Ort Cabo de Gata in Andalusien landet. Es ist ein kalter, unwirtlicher und hässlicher Ort, aber er bleibt und hofft, seinen unvollendeten Roman zu beenden. Vier Monate vergehen, ohne dass er weiterkommt, stattdessen sammelt er Muscheln für die Frauen, die es in seinem Leben gegeben hat, und liest Henry Millers "Der Koloss von Maroussi" - eine spannende Reiseerzählung, ganz im Gegensatz zu Ruges schwermütiger Geschichte. Erst im Laufe seines Aufenthalts in Cabo de Gata wird dem Ich-Erzähler bewusst, dass der spanische Name der Gegend, in die er gereist ist, "Kap der Katze" bedeutet. Es ist der Moment, in dem ihm eine Katze über den Weg läuft, die er langsam an sich gewöhnt, füttert und in sein Zimmer lockt. Er erkennt, "dass ich vergeblich hier bin. Dass nämlich das, worauf ich hoffe, nicht eintreten wird - und zwar, weil ich darauf hoffe". Und so beschließt er: "Ich musste aufhören! Aufhören zu suchen. Aufhören, zu warten. Aufhören, zu hoffen." Der kurze Roman ist bewusst aus der Perspektive der Erinnerung erzählt, aber anders als der preisgekrönte Roman ist die vorliegende Erzählung zeitlich (vier Monate), räumlich (Cabo de Gata) und bezüglich der Personen (Ich-Erzähler) eng begrenzt. Der "Blick zurück" ermöglicht dem Autor, darüber nachzudenken, wie Erinnerung funktioniert: "Ich will mich auf jene Schwingungen verlassen, die wir Gedächtnis nennen", statt Notizen von früher zu Rate zu ziehen. Eine lohnende Lektüre für anspruchsvolle Leser.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Cabo de Gata
Eugen Ruge
Rowohlt (2013)
202 S.
fest geb.