Gotteskind
Es gibt das Genre der Coming-of-Age-Romane, in denen es ums Erwachsenwerden geht, um Aufbruch und Ausreißen, um Abgrenzen und Neucodierung der Identität. Der in New York und Kärnten lebende Autor John Wray bindet die Erzählung vom Großwerden an
eine Geschichte von Terror und Glaubenskrieg. Seine Heldin Aden Sawyer verlässt ihr Land und ihre zerbrochene Familie, um mit einem guten Freund in Peschawar in Afghanistan den Islam zu studieren. Naiv ist sie nicht, hilflos schon gar nicht, denn anders als ihr Freund Decker passt sie sich rasch und gut dem fremden Milieu an, so gut, dass ihre Verkleidung als junger Mann mit abgebundenen Brüsten und kurzgeschorenem Haar niemandem auffällt, selbst nicht in den Lagern und Trainingscamps der Taliban, in die sie später gerät. Mit viel Spannung erzählt Wray vom Weg des unbedingten Glaubens in eine totalitäre Religion und in den islamistischen Terrorismus. Am Ende, das furios ist und vorab nicht verraten werden sollte, fliegt Adens Tarnung auf. Daniel Kehlmann hat den Roman als "reiches Buch" über Glauben, Jugend, Opfer und Tod bezeichnet. Das stimmt. Es ist darüber hinaus die Tragödie einer religiös verirrten und dennoch hellsichtigen jungen Frau, eine Lektion über Gewalt im Namen Gottes. Sehr empfehlenswert, im Thrillerton aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.

Gotteskind
John Wray
Rowohlt (2019)
343 S.
fest geb.