Schleifen
Die Sprachtheoretikerin Franziska Denk und der Zahlentheoretiker Otto Mandl sind sich in tiefer Freundschaft zugewandt. Beide sind auf der Suche nach der einen Sprache, die nicht nur lebendig erzählt, sondern selbst lebendig ist. Und beide sind Kinder
jüdischer Intellektueller, die als Mitglieder des Wiener Kreises vor den Nazis nach England bzw. Amerika ausgewandert waren. Franziska und Otto lernen sich 1948 kennen, bauen in Berlin das Institut für angewandte Sprachforschung auf, gewinnen Anhänger aus verschiedensten Gesellschaftsschichten, die sich für die Ideen ihrer Vordenker radikalisieren. Die Entwicklung einer lebendigen Sprache greift die biblische Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel auf, gerät zu einem Glaubenskrieg gegen alle anderen Sprachen. Durch eine offensichtlich auch von ihnen inspirierte Medikamentenentwicklung eskaliert das Geschehen auf der Welt. Eine Mischung von Tabletten und (eigentlich unbedrucktem) nicht lesbarem Beipackzettel, sogenannte Semantostatika, werden zum Allheilmittel gegen alles, was man ausblenden will. Nur: Die Mittel bieten nicht nur Linderung vom Unangenehmen, sondern dieses verschwindet, ist weltweit bald nicht mehr vorhanden. So geht immer mehr Wissen verloren, das Zeitgefüge gerät völlig aus den Fugen. Einzig eine Forscherin im Literaturmuseum Marbach, die zu Denk und Mandl forscht und auch durch internationale Kolloquien ihren Spuren folgt, glaubt lange, den Überblick zu behalten. – Ein packendes Feuerwerk an Einfällen und unterschiedlichsten Handlungsebenen bietet dieser im Ergebnis dystopische Roman, dem man entweder beeindruckt folgt oder ihn rasch zur Seite legt. Die Entwicklung dieser lebendigen Sprache und deren schöpferische wie zerstörerische Wirkung erinnert an das Abwägen von Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz. Eine Verquickung mit der Entstehungsgeschichte von Kafkas „Prozess“ sorgt für einen zusätzlichen Reiz. – Für an dystopischer und experimenteller Literatur Interessierte unbedingt empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Schleifen
Elias Hirschl
Paul Zsolnay Verlag (2026)
408 Seiten
fest geb.