Am anderen Ufer des Meeres
Eine Rebellion seitens der Afrikaner ist der Anfang eines bitteren Krieges zwischen Unabhängigkeitsbewegungen und Kolonialmacht. Von diesen Ereignissen aus erzählen im 30. Roman des inzwischen achtzigjährigen Autors drei Protagonisten – keineswegs
chronologisch – in Selbstgesprächen ihr trostloses Leben: Die Tochter, damals noch ein Kind, eines Plantagenbesitzers, ein Leben lang nur "Menina" (Mädchen) genannt, dann ein einfacher Kolonialbeamter, der in Angola reich werden wollte, und ein Oberst der Streitkräfte, der aus Gehorsam Massaker verübt. Es entsteht ein kaum entwirrbares Geflecht aus Kindheitstraumata, Erinnerungen und Sehnsüchten. Die langen Monologe führen in die Vergangenheit, zu den ersten Rebellionen schwarzer Arbeiter auf den Baumwollplantagen in der Baixa do Cassanje. Die Felder brennen nieder, Weiße ergreifen die Flucht, Plantagenbesitzer und internationale Firmen bangen um ihre Existenz. Die Diktatur schickt militärische Einheiten, die ganze Dörfer in Brand setzen. Die drei Protagonisten lassen in langen Monologen ihr damaliges Leben in Angola auferstehen. Zugleich sind sie mit ihren gegenwärtigen Lebenssituationen sehr unglücklich, gleichgültig ob sie wieder in Lissabon leben oder in Angola verharren. Nostalgische Erinnerungen an die Kolonialzeit verschmelzen mit schmerzhaft erlebten Demütigungen und Grausamkeiten. Zu den eigenen Erlebnissen fügen sich weitere ein, über mögliche Geschehnisse wird spekuliert, eine allwissende Macht waltet zügellos über Raum, Zeit, Gedanken und Gefühle. Im vorletzten Kapitel spricht Domingas, die schwarze Amme der "Menina", aus dem Grab und stellt fest, "wie schwierig es ist zu begreifen, dass die Vergangenheit nicht existiert, es existieren Schatten, die versuchen, ein Leben zu finden ..." – Ein Glossar sorgt für Klärung vieler Wörter und Namen. Für Antunes-Fans, die seine anspruchsvolle Prosa lieben, ist dieser Roman in der wie immer genialen Übersetzung von Maralde Meyer-Minnemann ein Muss.
Luísa Costa Hölzl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Am anderen Ufer des Meeres
António Lobo Antunes ; aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann
Luchterhand (2024)
444 Seiten
fest geb.