Am Himmel die Flüsse
Es sind einige Konstanten, die Autorin Elif Shafak in ihrem neuen Roman setzt und die sich in einzelnen Episoden, die tausende Jahre trennen, immer wieder finden: Das Gebiet des antiken Mesopotamiens, Wasser in seinen unterschiedlichsten Formen, die
Liebe und Begeisterung für Literatur. Im Nahen Osten, zwischen Euphrat und Tigris, lag einst die Wiege von Hochkulturen. Heutzutage ist dieses Gebiet von Terror, Not und Gewalt geprägt. All das ist Teil der verschiedenen Handlungsstränge, die auf wunderbare Art miteinander verwoben sind (oder es werden): Arthur wird in elende Umstände im London des 19. Jh. geboren. Dank seiner Wissbegier und seines Fleißes schafft er den sozialen Aufstieg, er kann als Erster die antike Keilschrift entziffern und unternimmt Expeditionen in den Orient. Die neunjährige Narin verliert Anfang des 21. Jh. fast alles: ihre Heimat, ihre Familie und ihre Würde. Als Jesidin wird sie vertrieben, verfolgt und versklavt. Zeitgleich steht die Fluss- und Wasserwissenschaftlerin Zaleekhah vor den Trümmern ihres Lebens: ihre Eltern hat sie als Kind verloren, sie ist bei reichen Verwandten aufgewachsen, nun ist ihre Ehe zerbrochen. Zuflucht sucht sie auf einem Hausboot auf der Themse. – Es sind diese (und andere) Charaktere, die diesen so modernen wie zeitlosen, so unterhaltsamen wie stellenweise grausamen Roman ausmachen. Man erfährt und lernt viel über das Wasser. Kann es sein, dass ein einziger Tropfen die Zeit überlebt und sich zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten zeigt? Schauspielerin Pegah Ferydoni gelingt es, dass man ihrer Lesung mehr als 14 Stunden lang gebannt zuhört. Eine besondere Empfehlung!
Felix Stenert
rezensiert für den Borromäusverein.
Am Himmel die Flüsse
Elif Shafak ; Pegah Ferydoni liest ; aus dem Englischen von Michaela Grabinger
argon hörbuch (2024)
2 mp3-CDs (circa 860 min)
mp3-CD