Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Während sich die Mutter der Ich-Erzählerin darüber Gedanken macht, was nach ihrem Tod von ihr in Erinnerung bleiben wird, möchte die Tochter mehr über ihren Großvater erfahren. Dieser war während des Zweiten Weltkriegs in der Waffen-SS, das
ist in der Familie bekannt. Gesprochen wird allerdings nicht darüber. Die Autorin, es handelt sich um einen autofiktionalen Text, reist in die polnische Stadt Radom, deren Bevölkerung vor dem Krieg zu einem Großteil jüdisch war. Dort war Großvater stationiert. Die Annahme, dass er an den Gräueltaten, die hier stattgefunden haben, beteiligt war, liegt nahe. Doch in Radom findet sie keine Antworten, nur weitere Leerstellen in der Geschichte. Und diese Leerstellen sind es auch, die dieses Buch füllen. Die Gespräche, die nicht geführt werden. Im zweiten Teil der Geschichte besucht die Erzählerin ihre Schwester, die als Archäologin auf andere Weise mit der Geschichte umgeht und die nicht möchte, dass negative Erinnerungen an ihre Kinder weitergegeben werden. So herrschen in der Familie unterschiedliche Variationen des Verschweigens, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dieses sehr persönliche Hörbuch wird von der Autorin selbst vorgelesen und macht es dadurch noch eindrücklicher. Es ist keines zum Nebenbeihören, sondern zum Eintauchen in eine Sprache und eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Eine wunderbare Ergänzung des Hörbuchbestandes.
Barbara Dorn
rezensiert für den Borromäusverein.
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Judith Hermann liest
der Hörverlag (2026)
1 mp3-CD (circa 227 min)
mp3-CD