Disco Old Germany
Julian Freytag, bislang verkannter, dennoch fleißig produzierender Schriftsteller in spe, schreibt über seine Jugend, die 60er Jahre am Jesuitenkolleg einer Kleinstadt im stockkatholischen Münsterland. 17-jährig, im Abgangsjahr, scheint sein ganzes
Trachten ausgerichtet auf das Ergattern einer ansehnlichen, kussbereiten jungen Dame, weil ihm infolge seiner diesbezüglichen Unkenntnis und Schüchternheit solch Genuss bislang verwehrt blieb. Auf anderem Gebiet allerdings hat er sich über die Jahre mit Frech- und Sturheit einen legendären Ruf erarbeitet, nämlich in den Naturwissenschaften jegliche Mitarbeit zu verweigern, von den Lehrern toleriert, um ihn nicht über Gebühr und Zeit mitschleppen zu müssen. Das herannahende Abitur scheint daher möglich- und Freytag reflektiert sein bisheriges Leben in unterschiedlich amüsanten respektive interessanten Anekdoten, gibt einen Überblick über die damalige Zeit, von den unterschiedlichen Moden und Vorlieben der (Möchtegern-) Hippies über die (gesellschafts-) politische Lage; Kleinstadtmief und Volksseele, nimmt so ziemlich jedes Klischee mit und nervt auch z.T. durch seine schriftstellerischen und zunehmenden sexuellen Ergüsse auf gut 300 Seiten Paperback. Kritische Rückblicke von Freunden und Lehrern relativieren und rücken Freytags Selbstbild etwas zurecht; so der (fiktive) Deutschlehrer: "Das ist typisch Freytag!" Er streift die politische Weltlage, die Ende der 60er Jahre ja aufregend wie selten war - ... und kehrt dann doch immer wieder nur zu seiner privaten Befindlichkeit zurück... Gut geschrieben, breitgefächerte Info aus einer interessanten Zeit, mit nicht allzu viel Tiefgang, überall geeignet.
Elisabeth Bachthaler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Disco Old Germany
Claus Cornelius Fischer
Thiele Verlag (2023)
316 Seiten
kt.