Muttermale
Was und wie erzählt man von der eigenen Mutter? Im letzten Jahrhundert in Ostpreußen geboren, Flucht vor der Roten Armee und irgendwo im Westen gestrandet. Eine neue Zeit bricht an, der Krieg wird eher tabuisiert, und sie bleibt immer eine Fremde
fern der Heimat. Auch die eigene Tochter bleibt ihr fremd, ist unnahbar für sie, da Gefühle nicht gezeigt werden. Dagmar Leupold versucht anhand von Alltagsgegenständen, die ihr von ihrer Mutter geblieben sind, eine Annäherung. Ihr kommen Gewohnheiten, gern gebrauchte Wörter und Sätze in den Sinn. Sie verliert sich in der Betrachtung alter Fotos und spürt diesen Momenten nach. So nähert sie sich Geheimnissen und Unaussprechlichem und findet immer wieder Spuren eines Traumas. – „Muttermale“ ist in vielerlei Hinsicht besonders und lesenswert. Sprachlich ungewöhnlich, da keine durchgehende Handlung, nimmt die Autorin immerfort Anläufe des erklärenden Verstehens. Ein Versuch, der Gefühlskälte einer ganzen Generation von Eltern näher zu kommen, das "Unsagbare" zu begreifen, aber nicht zu entschuldigen. Eine Lektüre, die berührt, unter die Haut geht und lange nachklingt. Gerne empfohlen.
Silvia Eilers
rezensiert für den Borromäusverein.
Muttermale
Dagmar Leupold
Jung und Jung (2025)
171 Seiten
fest geb.