Im Erlebensfall
Adolf Muschg, der Schweizer Dichter und europäische Denker, hat hier eines seiner schönsten Bücher vorgelegt, rechtzeitig zum 80. Geburtstag. "Im Erlebensfall" versammelt Reden über europäische Identität, Kulturförderung und Bildung, über Akademiearbeit
und literarisches Selbstverständnis, über politische Intelligenz und moralische Toleranz. Schon im Anfangsessay, einer luziden Studie des Gemäldes "Die Spinnerinnen" von Velázquez, bespielt Muschg auf virtuose Weise die Kulturgeschichte der Moderne. Kunst ist Maßgabe für Staats- wie Lebenskunst; das ist es, was wir aus diesem Bild lernen können, das Spinnerinnen bei ihrer Web-Arbeit zeigt, die Götter über ihnen, inmitten das Bild im Bild vom Raub der Europa. Man kann diese Essays mit viel Gewinn lesen, weil der Autor mit Augenmaß und Leidenschaft für seine Kunst, das Schreiben, wirbt und dabei mit persönlichen Geschichten nicht zurückhält. Eine überaus empfehlenswerte Lektüre, anspruchsvoll, lehrreich und dabei immer mit dem Gesicht zu den Lesern.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Im Erlebensfall
Adolf Muschg
Beck (2014)
309 S.
fest geb.