Nicht mehr. Mehr nicht.

Wie kein anderer Dichter hat Botho Strauß das Bewusstsein unserer Zeit durchleuchtet. Mit dem Senkblei seiner aphoristischen Denkprosa beschreibt er die Tiefen der Seele. Diesmal geht es um die Situation der Verlassenheit. Da ist eine Frau, sie heißt Nicht mehr. Mehr nicht. Gertrud oder Elissa, ihr Geliebter hat sie zurückgelassen. Zwischen Jammer und Zorn, Sehnsucht und Melancholie, Begehren und Verzicht wechseln die kurzen Stücke rasch hin und her. Man hört der Erzählerin gerne zu, weil originell und glaubwürdig klingt, was ihr der Autor durch den Kopf gehen lässt. Botho Strauß stellt sie außerdem in eine große Reihe von Opfern des Liebesverrats. Ihr Vorbild ist Dido, die Königin von Karthago, die den Flüchtling Äneas aufnahm, liebte - und von ihm verlassen wurde. Die mythische Spur wird vertieft mit Anspielungen aus der Literaturgeschichte. Aber das macht die Lektüre nicht schwerer, nur reicher. Geduldige Leser/-innen können hier begreifen, was es bedeutet, das Dulden zu studieren, den Mut sich zu sträuben, das Zurückweichen und die Meidbewegungen zu proben (auch mit Bezug zu der unfreiwilligen Isolation in der Pandemie), die Erwartung in Erinnerung zu tauschen. Ein eindringliches Stück Sprachmagie, minimalistisch und mit Tiefgang erzählt, gleichwohl nicht zu schwer zu lesen.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Nicht mehr. Mehr nicht.

Nicht mehr. Mehr nicht.

Botho Strauß
Hanser (2021)

155 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 606555
ISBN 978-3-446-27088-6
9783446270886
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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