Tage auf dem Land
Im Original ist der jetzt erstmal ins Deutsche übersetzte Roman "Tage auf dem Land" 1976 erschienen, da war Gardam noch nicht die Grande Dame der englischen Literatur und halb so alt, wie sie werden sollte. Der arg allgemein gehaltene Titel lässt
nicht ahnen, dass es sich um eine Coming-of-Age-Geschichte handelt, in der trotz äußerlicher Erstarrung vieles in Bewegung gerät und Stürme von Leidenschaft und Liebe sich entfesseln. Es herrscht bereits der liebevoll-spöttische Ton vor, den Gardam ihren Figuren gegenüber gern anschlägt, doch statt der gewohnten Wohltemperiertheit gibt es hier überraschend exzessive Szenen, Grusel und Überdrehtheit. – Very british das Setting: Marigold ist die Tochter eines Housemasters in einem Jungeninternat und früh auf die Rolle der begabten Außenseiterin abonniert. Ihr Äußeres und die dicke Brille zementieren dies. Klingt nach Klischee? Anfangs vielleicht, doch sobald eine frühere Freundin auf ihre Schule zurückkehrt, lässig, schick und frühreif, also das genaue Gegenteil von Marigold, werden aus verhalten gezeigten Sympathien zwischen den Geschlechtern plötzlich intensive Begegnungen, die ihre Akteure in einen neuen Existenzraum katapultieren. Für eine missglückte Wochenendeinladung verlässt Marigold ihre Umgebung mit den klaren Regeln und erlebt eine Art Reifeprüfung. Es ist beeindruckend, wie die Autorin die Heranwachsenden fokussiert. Deren "psychische Bewegungen" würden in der Literatur selten akkurat dargestellt, kommentiert die Protagonistin selbst. Die spätere Handschrift der Autorin ist in diesem frühen Roman erkennbar an ihrem unbestechlichen und doch wohlwollenden Blick auf die erwachsenen Akteure, die viel unreifer wirken als die Pubertierenden. Für alle Büchereien sehr empfohlen.
Gabriele Hafner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Tage auf dem Land
Jane Gardam ; aus dem Englischen von Monika Baark
Hanser Berlin (2025)
267 Seiten
fest geb.