Tschikago
Alexandra Stahl, in einem unterfränkischen Dorf aufgewachsen, bezeichnet „Tschikago“ selbst als einen autobiografischen Roman, was dieses Buch treffend charakterisiert. In einem Teil des Buches beschreibt sie das Leben ihrer Großeltern in diesem
Dorf, im anderen erzählt sie von den Menschen in einem Berliner Seniorenheim, in dem sie ehrenamtlich eine Biografiegruppe leitet und dabei den meist dementen BewohnerInnen oft sehr nahe kommt. Ihre von ihr geliebten Großeltern haben eine eigentlich typische Biografie für Menschen ihrer Generation, im Nachhinein bedauert die Autorin, sie nicht intensiver über ihr Leben befragt zu haben. Das holt sie in gewisser Weise als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Heim nach, in dem sowohl Ost- und Bestberliner Seniorinnen mit ihren systembedingt oft doch ziemlich unterschiedlichen Schicksalen und den wenigen Erinnerungen darüber leben. – Alexandra Stahl schreibt weder inhaltlich noch chronologisch stringent, sondern episodisch bzw. fragmentarisch, was das Buch ausgesprochen kurzweilig macht, wozu auch die trotz der oft schwierigen Lebenssituation der ProtagonistInnen sensibel-humorvollen Schilderungen beitragen. – Ein inhaltlich wie stilistisch tolles Buch über das Altwerden, das Verschwinden von Erinnerungen und das Abschiednehmen, keineswegs sentimental, aber doch sehr einfühlsam und warmherzig geschrieben. Uneingeschränkte Empfehlung!
Michael Sanetra
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Tschikago
Alexandra Stahl
claassen (2026)
258 Seiten
fest geb.