Briefe von morgen, die wir gern gestern schon gelesen hätten
Wir leben in unruhigen Zeiten, vieles ist in Bewegung. Was wird die Zukunft bringen, wird das alles noch schlimmer? Timur Vermes wagt einen Blick nach vorn: Er schreibt Friedrich Merz zur „Machtergreifung“ der AfD, zeigt, für welche Probleme Roboter
in der Pflege sorgen können (hier trifft künstliche Intelligenz auf natürliche Demenz). Kontaktlinsen mit allgegenwärtiger Virtual Reality, inklusive regelmäßiger Werbeunterbrechungen, haben unseren Blick auf die Welt verändert. Kinder werden individuell konfiguriert ausgeliefert: wie im Baukasten lassen sich Eigenschaften (gute wie schlechte) auswählen. All das sind düstere (fiktive) Prophezeiungen unserer (nahen) Zukunft. – Bekannt und erfolgreich wurde der Autor mit „Er ist wieder da“, in dem er Hitler im Berlin des Jahres 2011 wiederauferstehen lässt, sowie mit „Die Hungrigen und die Satten“ (BP/mp 19/255), hier begleitet eine bekannte Journalistin live einen riesigen Flüchtlingstreck aus Afrika auf dem Weg nach Europa. Beiden gemein ist, dass sie aktuelle Themen der gesellschaftlichen Diskussion aufnehmen, die Grenzen des vermeintlichen guten Geschmacks überschreiten und die Parodie so überzeichnen, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Sein neues Buch bietet eine Mischung aus mehr oder minder lustigen Texten, die Überzeichnung ist nicht mehr so überzeugend und bissig wie in den genannten Titeln. Selbstironisch ist eine Buchkritik im Stile Denis Schecks. Anders als der Buchtitel vermuten lässt, sind nur wenige Briefe enthalten, es sind auch Werbeprospekte, Protokolle, etc. – Michael Kesslers Vortrag unterhält, auch weil er immer wieder den richtigen Ton findet und den Charakteren passende Dialekte verpasst. Trotz der Einschränkungen ist sicher wieder mit Nachfrage zu rechnen!
Felix Stenert
rezensiert für den Borromäusverein.
Briefe von morgen, die wir gern gestern schon gelesen hätten
Timur Vermes ; gelesen von Michael Kessler
Lübbe Audio (2025)
4 CDs (circa 250 min)
CD