Eine ganze Hälfte der Welt
Wer eine Würdigung konkreter vergessener Frauen der Literatur erwartet, wie der Titel vermuten lässt, wird enttäuscht. Die französische Autorin Alice Zeniter rekapituliert in ihrem Essay ausgehend von persönlichen Leseerfahrungen das Ungleichgewicht
der weiblichen Figuren im Literaturkanon gegenüber den männlichen. Sie seien oft blasse, passive Nebenfiguren oder Objekte. Zudem gibt sie einen authentischen Einblick in das Leben als Autorin, beschreibt die strukturelle Ungleichheit im Literaturbetrieb (z.B. bzgl. Literaturpreisen, Stipendien, Gehalt, Sexismus). Dabei sind ihre persönlichen Erfahrungen als Leserin und Autorin in Frankreich auch politisch und stehen universell für ähnliche Missstände in anderen Ländern. Stark sind die treffenden Zitate von Literaturgrößen wie Toni Morrison, Chimamanda Ngozi Adichie oder Virginie Despentes, die Zeniters Befunde untermauern. Zeniter beschreibt, dass der Literatur eine ganze Hälfte der Welt fehle (vgl. S. 146), die Literaturszene "amputiert" (S. 64) sei, wenn immerzu aus der männlichen Perspektive dieselben Narrative vom männlichen Helden reproduziert werden, keine vielfältigen weiblichen Figuren vorkommen und Autorinnen nicht gleichberechtigt werden. Sie beleuchtet ungeschönt die Missstände, und entlässt die Leserschaft doch hoffnungsfroh: Für sie ist die Aussicht, "dass einem genau diese Hälfte noch bleibt […] das schönste aller Vorhaben" (S. 146). Zeniter ist ein kluges Plädoyer für vielfältigere Geschichten gelungen, eine anregende Lektüre vor allem für Feminismus- und Literaturinteressierte.
Melanie Schubert
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Eine ganze Hälfte der Welt
Alice Zeniter ; Deutsch von Ivonne Eglinger
Berlin Verlag (2025)
256 Seiten
fest geb.