penelopes sch()iff
Am Ende der Odyssee gehen Odysseus und Penelope ins Bett, der Liebes- und der Erzähllust wegen. Aber da, wo Homer sein Epos endigt, fängt es für Ulrike Draesner erst an. Sie hat schon das Nibelungenlied aus Sicht der mitkämpfenden und -leidenden
Frauen nacherzählt (2016, in BP/mp nicht bespr.). Auch ihr neues Buch ist ein Postepos. Es erzählt, elektrisiert von Emily Wilsons englischer Neuübersetzung der Abenteuer des „Lord of Lies“, vom Schicksal der Penelope. Aus dem Schatten der jahrzehntelang treuselig auf den Ehemann wartenden und sich die Freier vom Leibe haltenden Ehefrau wird sie herausgeholt und zur mit allen Wassern gewaschenen Muse des mythischen Helden gemacht. Ulrike Draesner schickt ihre Figur auf eine ihrerseits abenteuerliche Reise. Mit 100 Frauen, ihren Töchtern, Freundinnen, Mägden und Sklavinnen, sticht sie in See. Aber keine Argonautenfahrt findet hier statt, kein Goldenes Vließ wird gesucht. Sondern etwas viel Persönlicheres, Eigentümlicheres: das, was die Frauen auf dem Meer zusammenhält. Es sind die Entdeckungen und Erlebnisse, die sie in ihren Erzählungen und Erinnerungen miteinander teilen, den Umgang mit Mangelwirtschaft und die Erfindung des Haushaltsbuchs, die Züchtung seltener Tierarten und das Lesen der Sterne, die Chirurgie und die Einlagerung von Gurken, das Muskeltraining an Rudergeräten und den Abschied von posttraumatisch belasteten Kriegsheimkehrern (wie Odysseus) – bis zur Landung in der venetianischen Lagune. Ulrike Draesner geht freimütig mit Homers Stories und Figuren um. Sie lässt einige beiseite und andere überleben. Sie verteilt die Rollen der Sprecher auf Penelopes Töchter (darunter Medusa) und eine aufmüpfige Magd (Melantho). Der Text von „Penelopes Sch( )iff“ (in die ungefüllte Klammer kann man ein „l“ lesen, mit dem die Autorin ihrem Postepos einen neuen ‚Schliff‘ gibt) ist in einem quicklebendigen, durch griechische Wörter und phönizische Lettern aufgerauten Deutsch geschrieben. Der homerische Hexameter wird ausgelagert auf eigene Seiten, wo er bloß als Kommaregen herabrieselt, mit ‚eingejandlten‘ Leerstellen, die wie der Wurm im Apfel (in Jandls berühmtem Gedicht) auf die unscheinbare Löchrigkeit des Mythos hinweisen. Auch solche Formexperimente machen die Lektüre zu einem großen Vergnügen. Ulrike Draesners Postepos entdeckt Penelope als listige Kriegerin, als kühne Migrantin und Abenteurerin, als Hausmutter und Liebende, als Gründungsfigur von Venedig. – Eine fabelhafte alternative Weitererzählung des klassischen Mythos und eine frauen- und freiheitsbewusste Korrektur der patriarchalischen Vorlage.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
penelopes sch()iff
ulrike draesner
Penguin Verlag (2025)
297 Seiten
fest geb.