Die späten Tage
„Ich wohne in meiner Gedankenwelt und will nichts anderes, als langsam und beharrlich mein dünnes Wortfädchen spinnen, immer noch getrieben von meiner Obsession, die allein mich noch mit der verbindet, die ich einmal war“. – Dieses Zitat gibt
Auskunft über Struktur und Absicht von Natascha Wodins neuem Buch „Die späten Tage“. Im Mittelpunkt steht ein Erzählendes Ich, das, erkennbar mit autobiografischen Zügen der Autorin ausgestattet, in einer Aneinanderreihung kurzer, aphoristischer Passagen Auskunft über sein Leben und seine Familiengeschichte gibt. Die einzelnen Abschnitte, teils längere Erinnerungen, teils Zitate anderer Autor*innen, teils bloße Sentenzen, sind dabei als die „Wortfädchen“ zu verstehen, die zu einem literarischen Netz verwoben werden. So entsteht eine autofiktionale Verschränkung der Gegenwart der Erzählerin als alternder Frau mit ihrer Vergangenheit als Tochter russischer Zwangsarbeiter in der deutschen Nachkriegszeit und ihrem Weg aus dieser Herkunft heraus. – Der neue Titel von Natascha Wodin ist ein Buch über das Altern, aber auch die Emanzipationsgeschichte einer Frau, die sich nicht nur aus ihrem Herkunftsmilieu entfernt, sondern auch verschiedene Liebesgeschichten aufarbeitet, die in der Tradition feministischer Romane nach dem Vorbild von Ingeborg Bachmanns „Malina“ stehen. Leser*innen, die bereits Wodins Bestseller „Sie kam aus Mariupol“ kennen, werden vieles wiedererkennen, allerdings aus einer anderen Perspektive beleuchtet.
Antonie Magen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die späten Tage
Natascha Wodin
Rowohlt (2025)
287 Seiten
fest geb.