Trag das Feuer weiter
Über alle drei Romane ihrer marokkanisch-französischen Trilogie ("Das Land der Anderen", BP/mp 21/727, "Schaut, wie wir tanzen", BP/mp 23/461) hat Leïla Slimani einen großartigen erzählerischen Bogen zwischen Familien- und Gesellschaftsgeschichte
aufgespannt. In dem abschließenden Band wächst die Protagonistin Mia Daoud, mit einigen autobiografischen Zügen der Autorin ausgestattet, in den 1980er und 1990er Jahren mit ihrer jüngeren Schwester Inès in einer liberalen Familie der marokkanischen „Upper Class“ auf. Vater Mehdi ist erfolgreicher Direktor einer Kreditbank, Mutter Aïcha eine angesehene Gynäkologin. Die ökonomischen Privilegien sind scheinbar selbstverständlich, im Privaten gibt man sich freigeistig, modern und unabhängig. Doch im Politischen, im öffentlichen Leben, sind die Zwänge der Religion und die patriarchalen Rollenmuster wirksam, die Kontrolle durch den monarchistischen Staatsapparat allgegenwärtig. Außerdem lebt das koloniale Erbe in den gravierenden sozialen Ungleichheiten zwischen der frankophonen Elite und der arabischen Bevölkerung weiter. Die Spannung zwischen diesen beiden Welten in Marokko wird dupliziert durch den Gegensatz von Heimat und Fremde. Im Ausland – Mia arbeitet als Bankerin in London, Inès studiert Medizin in Paris – begegnet ihnen unverhohlener Alltagsrassismus.. Als Teenagerin und junge Frau muss Mia ihr lesbisches Begehren verheimlichen, da offen gelebte Homosexualität im Maghreb gesellschaftlich nicht toleriert wird. Kann man sich einem Land zugehörig fühlen, das so tief gespalten ist? Welche Erinnerungen, welche Geheimnisse und welches Erbe aus der Vergangenheit der eigenen Familie trägt man, einem Feuer gleich, in sich weiter? – Überzeugend verwebt Leïla Slimani die Fragen nach der kulturellen Zugehörigkeit, weiblichen Emanzipation und kolonialen Geschichte. Eindeutige Leseempfehlung!
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Trag das Feuer weiter
Leïla Slimani ; aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma
Luchterhand (2026)
448 Seiten
fest geb.