roter Overear-Kopfhörer (Foto von Yarenci Hdz auf Unsplash)

Hörbücher für Kinder

Da könnte ich echt ewig zuhören!

von Antje Ehmann

Hörbücher erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Aber wie ist es eigentlich für die Sprecher und Sprecherinnen? Der Tag im Tonstudio, die Zusammenarbeit mit dem Regisseur und dem Tontechniker oder die konzentrierte Arbeit im Vergleich zu den Proben am Theater?

Laura Maire, Thomas Nicolai, Julian Greis, Hanni Lorenz und Ulrich Hub geben interessante Einblicke in ihren Werdegang, erinnern sich an Lieblingshörbücher aus der Kindheit und stellen ihre aktuellen Lieblingsproduktionen vor. Ton ab!

Im Interview

  • Laura Maire
  • Thomas Nicolai
  • Julian Greis
  • Hanni Lorenz
  • Ulrich Hub

Laura Maire

welches war Ihr Lieblingshörbuch bzw. was waren Ihre Lieblingsbücher als Kind und warum?

Ich habe als Kind total gern die KNAX-Schallplatten gehört. Diese kleinen, bunten Miniplatten, die ich selbst auf den Plattenspieler legen durfte. Laura Maire Laura Maire (Foto: Christian Hartmann) Das war jedes Mal ein Erlebnis! Ganz besonders für mich war aber eine Kassette, die mir mein Vater, der Schauspieler Fred Maire, aufgenommen hat. Darauf sprach er Märchen wie „Das tapfere Schneiderlein", „Schneeweißchen und Rosenrot" oder „Das Traumfresserchen". Diese Kassette begleitet mich nun seit über 40 Jahren. Sie ist ein echter Schatz.

Wie und wann haben Sie Ihr Sprechertalent entdeckt?

Das war schon früh. Mit etwa sechs oder sieben Jahren habe ich angefangen, mit dem Kassettenrekorder aufzunehmen. Dafür habe ich etwa aus dem Buch „Yoga für Katzen" vorgelesen oder die Rückseite der Persilverpackung als Werbespot eingesprochen. Ich war wohl ein kleiner Nerd, habe alles wie ein Schwamm aufgesaugt, was mir unterkam – egal ob Buch, Werbetext oder Magazin. Für mich war alles spannend, alles war Sprache.

Was ist das Tollste an einem Tag im Hörbuchstudio?

Eindeutig die Arbeit im Team! Wenn Regie und Ton zusammenpassen wird es magisch, es gibt Lachen, Konzentration und Vertrauen. Man darf Fehler machen und sich ausprobieren. Und dann ist da dieses vollständige Eintauchen in andere Welten. Die Zeit fühlt sich anders an. Manchmal vergeht sie scheinbar gar nicht. Und wenn alles fließt, entsteht dieser besondere Zustand, der Flow.

Wie bereiten Sie sich auf eine Aufnahme vor?

Ich lese zunächst das Manuskript. Manchmal bekomme ich eine noch unfertige Vorabversion. Dann recherchiere ich Aussprache, biografische Hintergründe, Musikzitate, historische Kontexte, im Grunde alles, was der Geschichte Tiefe gibt. Wenn ich an mehreren Tagen arbeite, höre ich zwischendurch noch einmal rein, um mich zu erinnern, wie ich Figuren stimmlich angelegt habe. So bleibe ich konsistent.

Was war das Besondere an Hörbüchern, die sie bisher eingesprochen haben?

Ich mochte ganz besonders das Buch „Das dritte Licht" von Claire Keegan, eine still erzählte, eindringliche Geschichte. Die Zusammenarbeit mit dem Musiker und Regisseur Ernst Matthias Friedrich im Bonnevoice Hörbuchverlag war wundervoll: ruhig, präzise, sehr musikalisch. Und natürlich: Astrid Lindgren! Ihre Bücher sind für mich Herzensliteratur. „Mio, mein Mio" oder „Die Brüder Löwenherz" haben mich tief bewegt. Diese Mischung aus Poesie, Melancholie, Freiheitsliebe und Trost ist bis heute ein Teil von mir. Ich liebe sie einfach! 

Hörbuchcover "Mehr von uns Kindern aus Bullerbü"

Thomas Nicolai

welches war Ihr Lieblingshörbuch bzw. was waren Ihre Lieblingsbücher als Kind und warum?

Meine Lieblingsbücher als Kind waren „Alfons Zitterbacke“ von Gerhard Holtz-Baumert und „Der kleine Mann“ von Erich Kästner.

Wie Thomas Nicolai Thomas Nicolai (Foto: Bernd Brundert) und wann haben Sie Ihr Sprechertalent entdeckt?

Als ich meinen beiden Söhnen abends vorm Einschlafen vorgelesen habe, habe ich schnell gemerkt, dass mir das unglaublich viel Spaß macht. Da ich ausgebildeter Schauspieler bin, habe ich mich bei verschiedenen Firmen als Sprecher beworben und irgendwann hat es geklappt.

Was ist das Tollste an einem Tag im Hörbuchstudio?

Manchmal bin ich selbst als Sprecher so sehr in der Geschichte drin, dass ich alles um mich herum vergesse und komplett in die Welt eintauche. Das sind dann tatsächlich die besten Momente im Hörbuchstudio.

Wie bereiten Sie sich auf eine Aufnahme vor?

Zuerst einmal muss ich das Buch lesen, damit ich weiß, worum es überhaupt geht. Bei Kinderbüchern kommen ja ganz oft unterschiedliche Personen, Tiere oder Fabelwesen vor, die natürlich auch stimmlich unterschiedlich klingen müssen. Das muss ich alles vorher bestimmen und auch im Text markieren. Manchmal mache ich mir auf einem Extra-Zettel noch Notizen – zu den Eigenschaften der jeweiligen Figuren oder auch zur Handlung, damit ich selber als Sprecher nicht den Überblick verliere. Alles im allem muss man gut vorbereitet sein, wenn man dann vorm Mikrofon sitzt.

Was war das Besondere an der Aufnahme von „Banditen-Papa“ von David Walliams?

Für mich als Sprecher bestand die größte Herausforderung darin, bei den wilden Verfolgungsjagden die ganzen Geräusche von zusammenkrachenden Autos, Polizeisirenen und quietschenden Autoreifen nur mit meinem Mund nachzumachen. Das hat unfassbar viel Spaß gemacht, war aber auch sehr anstrengend. Am Ende der Aufnahmen war ich total kaputt, aber auch glücklich, dass ich so ein tolles und lustiges Buch einsprechen durfte.

Hörbuchcover "Banditen-Papa"

Julian Greis

welches war Ihr Lieblingshörbuch bzw. was waren Ihre Lieblingsbücher als Kind und warum?

Als Kind habe ich sehr gerne alles von Astrid Lindgren gelesen, von „Wir Kinder aus Bullerbü“ über "Pippi Langstrumpf“ zu "Ronja Räubertochter“, Julian Greis Julian Greis (Foto: Julia Schwendner) aber auch die etwas unbekannteren Titel wie „Mio, mein Mio“, „Kalle Blomqvist“ oder „Die Gebrüder Löwenherz“. Außerdem war ich auch ein großer Fan der „Die drei ???“-Reihe, als Buch und als Hörspiel! Hörbücher in dem Sinne gab es ja noch gar nicht so viele, als ich Kind war, ich habe aber immer sehr gerne „Der Kleine Wassermann“ auf Schallplatte gehört.

Wie und wann haben Sie Ihr Sprechertalent entdeckt?

Als ich 2009 nach Hamburg gezogen bin, gab es recht bald zwei Schlüsselmomente, in denen ich mit dem Hörbuchsprechen angefangen habe. Zum einen hat mich Angelika Schaack von der Hörcompany für mein erstes Hörbuch angefragt, und beim NDR habe ich in der Hörspielversion von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ die Hauptrolle Maik Klingenberg gesprochen. Beides waren meine ersten Arbeiten vorm Mikrofon. Die haben mir so viel Spaß gemacht, dass ich seitdem – neben meinem Hauptberuf, dem Theaterspielen – Hunderte von Produktionen im Studio gemacht habe.

Was ist das Tollste an einem Tag im Hörbuchstudio?

Was mich jedes Mal wieder fasziniert, ist das tiefe Eintauchen in einen Text. Man ist mit sich und der Stimme allein, begleitet von Technik und Regie, und es entstehen ganz eigene Bilder und Welten nur in meinem Kopf. Diese versuche ich dann durch die Stimme einzufangen und auf die Aufnahme zu bringen. Bei guten Texten muss man da gar nicht so viel machen, sondern sich einfach der Geschichte hingeben und konzentriert fantasieren. Beim Kinderhörbuch macht mir am meisten Spaß, dass man so viele Möglichkeiten hat, Figuren stimmlich zu zeichnen, und diese lustvoll und spielerisch darzustellen.

Wie bereiten Sie sich auf eine Aufnahme vor?

Ich lese den Text einmal, markiere mir, wann welche Person spricht, und überlege mir, wie sich diese Figur anhören könnte und was für eine Körperlichkeit sie hat. Dadurch kommt meistens auch schon die Stimme zustande. Manchmal überlege ich mir auch aus meinem Umfeld ein Vorbild für eine Figur oder sogar eine berühmte Person. Außerdem überprüfe ich die exakte Aussprache von Namen, Orten und Fremdwörtern. Aber das wirklich Wichtige passiert dann direkt im Studio – beim laut Lesen.

Was war das Besondere an der Lesung „Regenwurm und Anakonda – Was Tiere über sich erzählen“ von Bibi Dumon Tak in der Übersetzung von Meike Blatnik?

Bei „Regenwurm und Anakonda“ ist das Besondere, dass es um die stimmliche Darstellung von vielen verschiedenen Tieren geht. Dabei war die Vorbereitung noch einmal richtig spannend. Ich habe mir Bilder und Videos von den verschiedenen Tieren angeschaut, um dann zu schauen, welche Stimmen diese haben könnten. Das war gerade bei recht stummen Tieren wie etwa dem Engerling, eine echte Herausforderung. Und wie kann man einen Kolibri von einem Halsbandsittich unterscheiden? Ich versuche dann, den Tieren gewisse Charaktereigenschaften wie z.B. sehr aufgeregt (Kolibri) oder eher besserwisserisch (Halsbandsittich) zuzuteilen, und mit denen spiele ich anschließend. Hilfreich war auch, dass ich mir ins Leseskript lustige und aussagekräftige Fotos von den einzelnen Tieren kopiert habe. Das gibt dann noch einmal tollen Input für die stimmliche Lebendigkeit bei der Aufnahme im Studio.

Hörbuchcover von "Regenwurm und Anakonda"

Hanni Lorenz

welches war Ihr Lieblingshörbuch bzw. was waren Ihre Lieblingsbücher als Kind und warum?

"Die 13 1/2 Leben des Käpt`n Blaubär" von Walter Moers gelesen von Dirk Bach. Das habe ich bestimmt 13 1/2-mal gehört. Was für ein Abenteuer, immer Hanni Lorenz Hanni Lorenz (Foto: Valeria Mitelman) wieder! Wie Dirk Bach seine sowieso schon einzigartige Stimme jeder noch so kleinen, ulkigen Figur zur Verfügung stellt. Ich glaube, er hatte eine diebische Freude beim Lesen, das hört man einfach. Meine Mama hat auch viele Hörbücher gehört, allesamt von tollen Schauspielerinnen gelesen. Da habe ich oft gelauscht, auch wenn ich nicht alles verstanden habe. Einfach, weil mich schöne Stimmen schon immer fasziniert haben.

Wie und wann haben Sie Ihr Sprechertalent entdeckt?

Eigentlich erst, als ich vor einem Jahr angefangen habe, im Buchfunkstudio zu arbeiten. Ich hatte Lust drauf, weil ich Hörbücher selbst so liebe, gerne vorlese und als Schauspielerin sowieso viel spreche und gestalte.

Was ist das Tollste an einem Tag im Hörbuchstudio?

Das Tollste daran ist die Ruhe und die Konzentration. Ich arbeite ja sonst im Theater. Da geht es wuselig und laut zu. Man ist immer mit vielen Menschen gleichzeitig im Raum. Auch schön, aber im Studio genieße ich es, mich nur auf eine Aufgabe und einen Menschen, den Regisseur zu fokussieren. Ein weiterer Vorteil ist, dass man selbst alles in der Hand hat. Wenn ich ein ganzes Buch einlese, darf und kann ich entscheiden, wie es klingen soll, welche Stimmung entstehen könnte, und wie die unterschiedlichen Figuren klingen.

Wie bereiten Sie sich auf eine Aufnahme vor?

Zunächst lese ich das Buch und markiere mir alle Stolperstellen, an denen ich mich verhaspeln könnte, lange Bandwurmsätze, die man vorher begreifen muss, etc., damit ich dann beim Einlesen in einen Flow kommen kann. Wenn der da ist, geht sowieso alles wie von allein und man muss vorher nicht viel ausdenken oder konstruieren.

Was war das Besondere an der aktuellen Lesung "Das Telefon in der Birke“ von Alison McGhee, übersetzt von Birgitt Kollmann?

Eindeutig die lautmalerischen Sequenzen. Die sehen geschrieben ganz toll aus, aber wie spricht man sie, ohne dass es albern oder zu verkünstelt klingt? Das Buch beruht auf vielen Wiederholungen, fast wie ein Mantra. Das war besonders – und beim Lesen manchmal echt eine Herausforderung, aber auch ein Geschenk. Außerdem war es für mich das erste Buch aus Sicht eines Kindes. Das fand ich sehr schön, die Gelegenheit zu haben, da reinzuschlüpfen.

Hörbuchcover von "Das Telefon in der Birke"

Ulrich Hub

welches war Ihr Lieblingshörbuch bzw. was waren Ihre Lieblingsbücher als Kind und warum?

Ich habe jede Menge Hörspiele gehört, vor allem die Märchen der Brüder Grimm, die heute zunehmend in der Kritik stehen, was ich bedauerlich und sogar Ulrich Hub mit aufgeblasenem Schwimmring Ulrich Hub (Foto: privat) bedenklich finde.

Wie und wann haben Sie Ihr Sprechertalent entdeckt?

Bei mir war der Weg eher umgekehrt. Ich habe durch das Vorlesen oder Erzählen von Geschichten erst entdeckt, dass ich sie vielleicht auch aufschreiben könnte.

Was ist das Tollste an einem Tag im Hörbuchstudio?

In einer Sprecherkabine kann man sich durchaus ein bisschen allein fühlen und das Schönste ist, wenn einem die Regisseurin und der Tontechniker dann durch die Scheibe zuwinken.

Wie bereiten Sie sich auf eine Aufnahme vor?

Bevor ich ins Tonstudio gehe, habe ich die Geschichte schon oft vor Kindern gelesen. Das ist für mich die beste Vorbereitung.

Was war das Besondere an der Lesung Ihres Werks "Lahme Ente, blindes Huhn“?

Das kann ich nicht beurteilen, aber der große Unterschied zwischen einer Live-Lesung und einer Hörbuchaufnahme im Tonstudio ist, dass ich mir bei Letzterer vorstelle, die Geschichte nur für eine oder wenige Personen zu lesen. Dabei bin ich viel leiser und es fühlt sich eher wie ein Zwiegespräch an.

Hörbuchcover von "Lahme Ente, blindes Huhn"

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