Das Wasser im August
Ingo Schulze hat sich einen Namen mit der Erzählsammlung „Simple Storys“ gemacht. Als natural born DDR-Autor ist er in den vergangenen 35 Jahren immer wieder den Spuren der Erinnerung seines Landes gefolgt, getreu dem Motto, dass, je intensiver
er über die Vergangenheit schreibe, er um so besser an die Gegenwart herankomme. Dieses Erzähl-Modell funktioniert in dem neuen Roman gut. Schon das erste Kapitel ist ein Kabinettstück jenes ostalgisch stolzierenden, melancholisch innehaltenden, selbstreflexiv aufgeladenen Erzähltempos, für den Schulze bekannt ist. Ein ostdeutscher Autor nimmt eine etwas schräge Einladung an. Zum Leidwesen seiner Frau, der Stimme der Vernunft, folgt er einem Ruf nach Mecklenburg. Dort soll er zu Ehren eines ehemaligen Schulkameraden aus einer noch nicht publizierten Novelle lesen. Die doppelte Tücke dieser Reifeprüfung: Der Mitschüler hatte ihn einst an die Stasi verpfiffen, und aus der Novelle heraus springt ihn eine frühere große Liebe in der leibhaftigen Gegenwart an. In der mecklenburgischen Seenlandschaft, am Tollensesee, wo tiefe Wolken den Horizont verengen, spielen die Szenen eines selbstverschuldeten Erwachsenwerdens und einer Selbstentblößung wider Willen. Am Ende, so viel darf verraten werden, erkennt der Ich-Erzähler, in dem wir getrost ein gutes Stück des Autors selbst wiederfinden können, dass er eigentlich nicht über die Landschaft schreiben wollte, es ging ihm darum, seine Lebenserzählung an die Landschaft zu richten. Der deutsche Osten als Adressat: das, was bleiben kann. – Empfehlenswert. Nominiert für den Deutschen Buchpreis.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Wasser im August
Ingo Schulze
S. FISCHER (2026)
312 Seiten
fest geb.