Malé

Die Malediven, ein tropisches Urlaubsparadies, lässt Roman Ehrlich im Meer versinken. Sein neuer Roman beobachtet den Untergang der Atolle in einem erfundenen Szenario und nimmt damit das für die Inselgruppe vorhergesagte Schicksal Malé vorweg. In einer schrillen Bar und auf einem verrosteten Kreuzfahrtschiff kommen Heimatflüchtlinge, Milizionäre und Utopisten mit den Verlierern, Verbrechern und Versagern der Nachjahrhundertwendezeit zusammen. Sie haben nicht viel, Gespräche und Kultur, Alkohol und Gewalt. Es gibt eine zentrale Figur, eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin, und viele Nebenfiguren, deren Erzählstränge oft unterbrochen und auf kafkaeske Weise weitergeflochten werden, zur Überraschung des Lesers. Den gefesselten Mann aus der ersten Szene, der in einem langsam mit dreckigem Brackwasser volllaufenden Keller sitzt, lässt der Erzähler weiter auf seinen Tod warten. Dieses Short-Cut-Verfahren erinnert an den Film, und überhaupt ist die Romanhandlung sehr audiovisuell aufgebaut. An die langen Sätze muss man sich gewöhnen, sie geben aber dem Geschehen einen besonderen Drive und einen ganz eigenen Ton. Ein reichhaltiger Zukunftsroman und eine spannende Geschichte über die Folgen des Klimawandels, sehr zu empfehlen. Nominiert auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Malé

Malé

Roman Ehrlich
S. Fischer (2020)

288 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 602350
ISBN 978-3-10-397221-4
9783103972214
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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