Glücklich sterben?

2013 gab der Schweizer Theologe Hans Küng ein Fernsehinterview, in dem er sich für die Zulassung der aktiven Sterbehilfe aussprach, bekannte, dass er wegen seiner Parkinson-Krankheit vor hat, selbst Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, Glücklich sterben? und erklärte, das ließe sich durchaus mit dem christlichen Glauben vereinen. Die vielfachen Reaktionen auf dieses Interview haben ihn nun bewogen, ein Buch vorzulegen, in dem das Gespräch mit Anne Will noch einmal abgedruckt ist und der Theologe darüber hinaus "eine systematische Klärung und Vertiefung" (45) seiner Auffassung geben möchte. Bei allem Respekt vor den persönlichen Ängsten eines 85-Jährigen - was Küng argumentativ in diesem Buch abliefert, ist nur noch traurig. Insbesondere, da Küng sich natürlich bewusst ist, dass in der Debatte um die Sterbehilfe seine Befürwortung nicht als rein persönliche Meinungsäußerung, sondern als die Auffassung eines renommierten christlichen Theologen wahrgenommen wird. Rund 80% des Buches befassen sich zunächst jedoch nur mit einer ganz allgemein medizinisch-juristisch-ethischen Debatte zum Thema - dass Küng hierbei auf Gegenargumente kaum eingeht, ist intellektuell nicht gerade redlich zu nennen, in einem Fall ist es jedoch geradezu beschämend: Der Autor ist zwar ehrlich genug, eine Zuschrift an ihn zu zitieren, in der zwei behinderte Frauen ihm klarzumachen versuchen, dass durch seine Position "unser Existenzrecht einmal mehr infrage gestellt" wird (41) - er verliert aber kein einziges Wort, um sich mit diesem Vorwurf auseinanderzusetzen. Im Gegenteil, Küng spricht dieses Argument sogar noch ein zweites Mal an, als Vorwurf, der ihm von Nina Streeck in der NZZ gemacht wurde - geht aber auch hier nicht weiter darauf ein, sondern begnügt sich damit, dies als "absurde Fehlinterpretation" zu bezeichnen (S. 45). Sein ganzes Buch sei eine Antwort ohne Polemik. Sein "stärkstes Argument" dabei ist allerdings die wiederholte Erklärung, es habe nun einmal in den letzten Jahren einen "Paradigmenwechsel in der Betrachtung des Menschenlebens" (121) gegeben, dem dann auch eine Neubewertung in Ethik und Religion zu folgen habe. Mehrheitsverhalten als Wahrheitskriterium also. Dass die kirchliche Lehrmeinung zur Sterbehilfe diametral seiner eigenen Meinung entgegensteht, ist Küng auch keine Auseinandersetzung wert. "Wir haben ja eine ähnliche Situation mit der Geburtenregelung. Da hat man auch völlig falsch entschieden, wie man weiß." Einmal abgesehen von dem apodiktischen "man weiß" - soll der logische Schluss heißen: wer einmal irrt, muss immer irren? Der interessanteste Teil wäre eigentlich der letzte, in dem Küng zu erklären versucht, warum Sterbehilfe mit christlichem Gottvertrauen durchaus vereinbar sei. Das sind dann aber nur noch zwölf Seiten, in denen der Autor erklärt, dass Gott das Leiden im Grunde nicht wolle (was auch die Kirche keineswegs behauptet) - und dass Kreuzesnachfolge "nicht ethische Nachahmung des Lebensweges Jesu" bedeute, sondern "trotz der Ungewissheit der Zukunft seinen eigenen Weg zu gehen" (150f.), was wohl so viel heißen soll wie: ganz nach dem eigenen Willen zu entscheiden. Im abschließenden Gebet formuliert Küng eigentlich sehr schön: "So lege ich auch die Zukunft gelassen-zuversichtlich in deine Hände - und überlasse dir voller Vertrauen ohne Sorge und Angst all das, was meiner noch wartet." (156f.) Wie das zusammengehen soll mit dem Anspruch, das Lebensende gerade ganz in die eigene Hand zu nehmen, bleibt allerdings unerklärt. Küng begnügt sich mit der Feststellung "grundsätzlich bin ich der Meinung: Das Ideal einer rational-selbstbewussten Gestaltung des Lebens und Sterbens, das so wenig wie möglich dem Schicksal überlässt, kann sich verbinden mit dem Ideal einer demütigen Haltung zu Leben und Sterben, die das Lebensende vertrauensvoll in Gottes Hände legt" (153). Von einem Theologen, der sich selbst eine "theologisch durchdachte Haltung" bescheinigt (127) sollte man allerdings doch mehr erwarten dürfen als eine bloße Meinungsäußerung.

Glücklich sterben?

Glücklich sterben?

Hans Küng
Piper (2014)

158 S.
fest geb.

MedienNr.: 579552
ISBN 978-3-492-05673-1
9783492056731
ca. 16,99 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re, Fa, Na
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