Die Geschichte eines einfachen Mannes

"Sie sind so weich, weil ich noch nie in meinem Leben gearbeitet habe", sagt der namenlose Protagonist im Roman über seine Hände. Seit dem Abitur, abgelegt zum Ende der Ära Kohl, ist es über Jahre so, flunkert und schmarotzt sich Die Geschichte eines einfachen Mannes der junge Mann aus einfachem Haus durch Geisteswissenschaft, Auslandsaufenthalt und die Musikszene, um nach dem grandiosen Scheitern des Traums vom Musikstar am Ende einen richtigen Job in einer Kunstgalerie anzutreten. Die "reiche Heirat", zu der ihm sein Hochschuldozent rät, wird dann vielleicht doch noch kommen wie für den Autor, dessen Ehe mit einer erfolgreichen Kunsthändlerin die Coverabbildung zu diesem wunderschönen Schelmenroman beisteuerte. Der liebenswürdige Narzissmus des Helden, sein naiv sicheres Gespür fürs Vorankommen in der Konkurrenzgesellschaft jenseits des Leistungs- und Lohnarbeitsethos trifft die Zustände der Jahre um die Jahrtausendwende im Westen der Republik sehr genau und liest sich auch als Persiflage aufs universitäre Dasein, auf die Popmusikindustrie und das Leben als solches. Mit leichter Hand, viel Witz und dem Gefühl für Stimmung, Dramaturgie und der nötigen Portion Menschenkenntnis legt der als Musik-Texter hervorgetretene Kaleyta einen gelungenen Erstlingsroman vor. Wer die belletristischen Bestände über Krimi, Frauenroman und Buchpreis-Longlist hinaus erweitern möchte, sei empfohlen, es mit diesem Buch zu versuchen.

Helmut Krebs

Helmut Krebs

rezensiert für den Borromäusverein.

Die Geschichte eines einfachen Mannes

Die Geschichte eines einfachen Mannes

Timon Karl Kaleyta
Piper (2021)

312 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 972862
ISBN 978-3-492-07046-1
9783492070461
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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