Roman auf gelbem Papier

Bereits nach wenigen Seiten wird deutlich, dass ein für die Zwischenkriegszeit konventionelles Lebensmodell für die junge Pompey außer Frage steht. Zu einengend erscheint ihr eine klassische Ehe, zu langweilig gestaltet sich ihr Roman auf gelbem Papier Job als Privatsekretärin, der ihren Geist kaum fordert. So wundert es nicht, dass die Ich-Erzählerin von ihren Reisen oder ihren Besuchen bei Freunden in Deutschland erzählt und sowohl über die großen Fragen des Lebens als auch die kleinen Absonderlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens in England ausgiebig philosophiert. Dabei vertritt sie starke Positionen im Hinblick auf Liebe und Tod, Religion und Kirche, Sex und die Rolle der Frau, und durchwebt ihre Argumentationen und Beobachtungen mit zahlreichen literarischen Zitaten aus den unterschiedlichsten Genres und Sprachen. Die Perspektive der Ich-Erzählerin erlaubt in diesem Zusammenhang eine große Nähe zu Pompey, zu ihrem scharfen Verstand, ihrer charakteristischen Sprunghaftigkeit und ihren bildhaft vorgetragenen emotionalen Zweifeln und Erschütterungen. - Wenig beschreibt die Struktur des 1936 erschienenen Romans besser als die anfängliche Warnung der Erzählerin, es handle sich um einen "Roman ohne Bodenhaftung" bzw. "eine vor sich hinredende Stimme", dessen Protagonistin biographische Ähnlichkeiten zur Autorin aufweist. - Auch über 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung sehr zu empfehlen, zumal literarische und zeitgenössische Referenzen in zahlreichen Fußnoten erläutert werden. (Übers.: Christian Lux)

Marlene Knörr

Marlene Knörr

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Roman auf gelbem Papier

Roman auf gelbem Papier

Stevie Smith
Marixverl. (2018)

295 S.
fest geb.

MedienNr.: 595873
ISBN 978-3-7374-1098-4
9783737410984
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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