Jesolo

Nur weil eine Frau und ein Mann, beide Mitte 30 und schon lange ein Paar, nach einem Urlaub an der italienischen Adriaküste ein Kind zusammen erwarten, muss man nicht glauben, dass das, was einem da erzählt wird, eine Liebesgeschichte Jesolo sein muss. Ist es nämlich im Fall von "Jesolo" so ganz und gar nicht. Eher eine Horrorstory, wobei der Horror, der sich hier von Seite zu Seite ausbreitet, ohne großes Spektakel auskommt, was ihn allerdings nicht weniger beängstigend macht. Andrea, die junge Frau, gerät nämlich, ohne dass sie sich so recht dagegen wehren kann, in ein Leben, das sie nicht will. Auch wenn andere Heirat, Hausbau und Nachwuchs zeugen als den Lebenssinn schlechthin begreifen, ist ihr dieser Plan aus tiefster Seele verhasst. Doch statt aus dem scheinbar unentrinnbar vorgezeichneten Leben auszubrechen, wird sie immer stiller und tut, was von ihr erwartet wird. Die Kämpfe finden in ihrem Inneren statt und werden von der Autorin Tanja Raich so dermaßen beklemmend beschrieben, dass man als Leser förmlich selbst spürt, wie die Schlinge sich immer weiter zuzieht. Klare Worte und einfache Sätze vermitteln scheinbar mühelos das Grauen, das die Normalität mitunter sein kann. Raich ist noch eine verhältnismäßig junge Autorin, der man vielleicht eine derartige Erfahrungstiefe nicht zutrauen würde, was allerdings eine grobe Fehleinschätzung wäre. Die gebürtige Meranerin weiß sehr genau, wovon sie schreibt, und das macht ihren ersten Roman zu einer verblüffend intensiven Leseerfahrung. Nicht zu empfehlen ist das Buch Romantikern und solchen Lesern, die sich ihren Traum vom "trauten Heim, Glück allein" nicht kaputtmachen lassen wollen.

Susanne Holzapfel

Susanne Holzapfel

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Jesolo

Jesolo

Tanja Raich
Blessing (2019)

221 S.
fest geb.

MedienNr.: 912380
ISBN 978-3-89667-644-3
9783896676443
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.