München

Thaddea Klock, Psychotherapeutin und reiche Erbin zweier Immobilien in Münchner Bestlage, ist die Hauptfigur in diesem achten Roman des mehrfach preisgekrönten Schriftstellers. Bei allem Reichtum ist sie eine einsame, unglückliche München junge Frau, voller Widersprüche. Seit einem selbst verschuldeten Unfall humpelt sie, was sich durch edle Designerklamotten nicht kaschieren lässt. In ihrem Beruf hat sie zweifelhaften Erfolg und der Roman, den sie schreiben und mit dem sie offenbar ein alternatives Leben kreieren will, bleibt Konzept und Wunschtraum. Thaddeas beste Freundin Kata, ein Architektin, die ihre spektakuläre Praxis in Schwabing und ihre Villa in Grünwald konzipiert hat, betrügt sie mit ihrem Freund, dem Galeristen Ben-Luca, bei einer Charity-Veranstaltung in der Münchner Pinakothek der Moderne. Thaddea, nach außen hin cool, innerlich tief getroffen, bricht den Kontakt zu beiden ab und tröstet sich endlich mit Pimpi, einem oberflächlichen Fernsehproduzenten, den sie nicht liebt. Das Buch trägt mit einem gewissen Recht den Untertitel Gesellschaftsroman, auch wenn hier nur ein kleines Segment der Münchner Gesellschaft (teilweise ganz ungeniert in Klarnamen) auftritt, die Schickeria, deren Eventgeilheit und dekadenter Kunst- und Konsumfetischismus gnadenlos und z.T. recht unterhaltsam seziert werden. Ein sperriger, gewollt inhomogener Roman, linear erzählt im Ganzen, in der Feinstruktur springend oszillierend, im Stil extrem variabel. Auch den aufmerksamen Leser wird dieser Text zuweilen an seine Grenzen bringen, z.B. wenn man die Heldin als überforderte Psychotherapeutin in den grotesken Gesprächen mit ihrer einzigen Klientin, die dem Vorstand eines DAX-Unternehmens angehört, erlebt, oder wenn man Thaddeas spitzfindigem Gedankenaustausch mit einem geschwätzigen Schriftsteller gedanklich zu folgen versucht. Ein typischer "Händler" eben: vielschichtig, teils banaler Szenejargon, teils "der perfekte, lückenlose Metaphernbau" (S. 218), teilweise spannend, aber z.T. auch anstrengend langatmig, z.T. herrlich komisch und provozierend ironisch. Sicher kein Buch für den Massengeschmack. (Deutscher Buchpreis 2016, Longlist)

Helmer Passon

Helmer Passon

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

München

München

Ernst-Wilhelm Händler
Fischer (2016)

349 S.
fest geb.

MedienNr.: 586246
ISBN 978-3-10-397207-8
9783103972078
ca. 23,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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