Sechs Koffer

Der bekannte und außerordentlich produktive deutsche Autor erzählt in diesem schmalen, weitgehend autobiografischen Roman von seiner jüdisch-russischen Familie, die am Ende nach der Flucht aus der Sowjetunion - darauf spielt wohl Sechs Koffer der Titel an - nun in der ganzen Welt verstreut lebt. Vor allem geht es aber um ein bisher nicht gelüftetes Familiengeheimnis, nämlich um die Frage, welcher seiner vier Söhne den eigenen Vater, den "Taten", denunziert und damit seine Hinrichtung verschuldet hatte. War es Dima, der selbst fünf Jahre im Gefängnis war, aber schon vorzeitig entlassen wurde, weil er eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hatte? Oder war es Natalia Gelernter, die Frau Dimas, die mondäne Filmemacherin, das "Flittchen", wie die Mutter des Erzählers, von Eifersucht geplagt, sie nannte? Oder Lev, das schwarze Schaf in der Familie, der mit niemand redete, oder gar der Vater des Erzählers? Diese Fragen verfolgen den Erzähler schon von Kindheit an und lassen ihn ein Leben lang nicht los. Auch dem Leser bleibt es überlassen, seine Schlüsse aus all diesen Mutmaßungen zu ziehen. Der besondere Reiz dieses Romans liegt allerdings neben der sprachlichen Virtuosität und der kompositorischen Raffinesse darin, dass diese Kriminalhandlung eingebettet ist in ein schillerndes Psychogramm dieser interessanten, intriganten, aber trotzdem liebenswerten Familie. Sehr anregend auch, wie souverän der Autor mit verschiedenen Erzählperspektiven spielt. Empfehlenswert.

Helmer Passon

Helmer Passon

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Sechs Koffer

Sechs Koffer

Maxim Biller
Kiepenheuer & Witsch (2018)

197 S.
fest geb.

MedienNr.: 594442
ISBN 978-3-462-05086-8
9783462050868
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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