Ein ganz normales Pogrom

"Sechs Millionen Menschen mussten sterben, weil untergeordnete Dienststellen und Einzelpersonen sich die nationalsozialistische Maxime des Judenhasses zu eigen machten und sie mit aller Kraft so gründlich wie möglich umzusetzen Ein ganz normales Pogrom versuchten." Diese zutiefst bedrückende wie beschämende Wahrheit belegt der Historiker Sven Felix Kellerhoff am Beispiel des rheinhessischen Weindorfes Guntersblum, das - stellvertretend für viele kleinere Gemeinden in Deutschland - deutlich macht, dass die menschenverachtenden Maßnahmen des NS-Regimes nur funktionierten, weil sie vom Großteil der Bevölkerung bereitwillig, ja begeistert aufgenommen und ohne Skrupel umgesetzt wurden. Aufgrund sorgsamer Recherchen zeigt der Autor, wie sich - u.a. beflügelt durch wirtschaftliche Not und französische Besatzung - antisemitisches Gedankengut immer stärker in den Köpfen der Guntersblumer festsetzte, wie aus geschätzten Nachbarn unliebsame Juden wurden, mit denen man nichts mehr zu tun haben, ja, die man am liebsten loswerden wollte. Diese von Kellerhoff sachkundig nachgezeichnete Entwicklung offenbart in dieser überschaubaren Gemeinde, in der jeder jeden kennt, das perfide Funktionieren des NS-Systems. Fehlendes Unrechtsbewusstsein, Verdrängung und ein kollektives Nicht-Erinnern-Können, Schweigen und ständig wechselnde Schuldzuweisungen charakterisierten ab 1945 jahrzehntelang das Verhalten der Guntersblumer Bürger - wiederum ein Spiegelbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft - Für alle Büchereien sehr zu empfehlen!

Inge Hagen

Inge Hagen

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Ein ganz normales Pogrom

Ein ganz normales Pogrom

Sven Felix Kellerhoff
Klett-Cotta (2018)

244, [8] S. : Ill., Kt.
fest geb.

MedienNr.: 593006
ISBN 978-3-608-98104-9
9783608981049
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Ge
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