Rauschzeit

Alain, Kind aus einer unglücklichen Ehe zwischen einer Deutschen und einem französischen Besatzungssoldaten, befindet sich am 24. Juni 2004 auf einem Übersetzerkongress in Köln. Die Gedanken des 40-Jährigen kreisen in vielfältiger Rauschzeit Variation um Philosophie, Literatur, existenzielle Lebensfragen, um die Liebe und das Glück, den Schmerz und den Tod, auch um seine Behinderung: Er leidet am Tourette-Syndrom - ein Symbol seiner Versehrtheit. Und er erzählt in packenden Assoziationsketten von seiner Herkunft, seiner Kindheit, Jugend und von jenem schicksalhaften Jahr 1983/84, der "Rauschzeit", als ihn Babette, seine Lebensliebe, plötzlich verlassen hat. Elegische Erinnerungen voller "Rückspiegelschmerz" (S. 385) werden lebendig. Und nun trifft er völlig unvermutet auf sie, die er 20 Jahre insgeheim vermisst hat. Seine Frau Mausi sitzt gleichzeitig in der Deutschen Oper Berlin, symbolträchtig in Puccinis Tosca, die sich in den Tod stürzt. Die Karten sind nämlich ein posthumes Geschenk Elfis, die an diesem Tag beerdigt wird, nachdem sie sich wenige Tage zuvor, wohl aus Kummer um ihren verstorbenen Geliebten, das Leben genommen hat. Und nun sitzt auf dem Platz neben Mausi, wo Alain sein sollte, ein blonder Däne, in den sie sich sofort verliebt. - Dem großen Lehrmeister der Bewusstseinsstromtechnik, James Joyce, scheint der Büchner-Preisträger erzähltechnisch verpflichtet zu sein, und das keineswegs zum Nachteil dieses grandiosen Romans. Ähnlich wie beim "Ulysses" ist auch hier die Vordergrundhandlung auf einen ganz kurzen Zeitraum zusammengedrängt, spielt nur an wenigen Schauplätzen und bildet nur den Rahmen für das fesselnde "Selbstgespräch" mit der eigenen Erinnerung (S. 328). Eine sensible Darstellung vom Innenleben der beiden so lebendig gezeichneten Protagonisten erwartet den Leser. Mag sein, dass dies manchem Leser zu viel Innerlichkeit ist. Aber es finden sich auch genügend Passagen von faszinierender Welthaltigkeit, die den Zeitgeist, Lebensumstände und Selbstverständnis dieser sich so aufgeklärt vorkommenden und dennoch durchaus romantischen Generation eindrucksvoll dokumentieren. Ein unkonventioneller, hochkomplexer Liebesroman für aufmerksame Leser. (Deutscher Buchpreis 2016, Longlist)

Helmer Passon

Helmer Passon

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Rauschzeit

Rauschzeit

Arnold Stadler
Fischer (2016)

547 S.
fest geb.

MedienNr.: 586249
ISBN 978-3-10-075139-3
9783100751393
ca. 26,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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