Weit über das Land

Der vielfach preisgekrönte Schweizer Autor beschreibt in diesem Roman eine Flucht. Von der ersten Seite an wird klar, dass hier ein Szenario entfaltet wird, das sich (bei allem Detailrealismus) jeder Realismusforderung entzieht. Denn Weit über das Land Thomas, liebender Ehemann und Vater zweier Kinder, macht sich eines Abends ohne erkennbaren Anlass, ohne jegliche Vorbereitung, ohne konkretes Ziel auf den Weg. Nur heraus aus dem "Verlies" des heimischen Gartens wandert er wie ein Getriebener oder von einem geheimnisvollen Sog angezogener durch Wiesen, Wälder und Dörfer Richtung Süden. Sorgfältig verwischt er seine Spuren, man soll ihn nicht finden. An Frau und Kinder verschwendet er kaum einen Gedanken. Ihr Schicksal, ihre Gefühle, die in einem gleichgewichtigen parallelen Erzählstrang geschildert werden, sind für ihn nicht mehr existent. Seine Frau Astrid ist anfangs nur irritiert und ratlos, dann zunehmend besorgt und verzweifelt. Polizeiliche Nachforschungen bleiben zunächst ohne Erfolg. Wochen später teilt man ihr mit, dass ihr Mann in den Schweizer Bergen abgestürzt und tot aufgefunden worden sei. Er wird begraben, aber die imaginäre Verbindung zwischen beiden reißt nicht ab. "Niemand schien zu begreifen, dass die Beziehung zu Thomas für sie nicht zu Ende war, nur weil er nicht mehr da war." (S. 188) Und Thomas kehrt nach Jahrzehnten ruhelosen Wanderns nach Haus zurück - freilich nur als "verschwommene Silhouette im hellen Mittagslicht." (S. 223) - Bei allem Detailrealismus ein phantastisch surrealer Roman also, der, weil er die Geschicke der Protagonisten im Vagen belässt, mit den Lesererwartungen spielt und sich deutlich als literarische Fiktion zu erkennen gibt.

Helmer Passon

Helmer Passon

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Weit über das Land

Weit über das Land

Peter Stamm
Fischer (2016)

222 S.
fest geb.

MedienNr.: 813245
ISBN 978-3-10-002227-1
9783100022271
ca. 19,99 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.
Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: