Briefe an Charley

An einem 2. Januar beginnt eine Frau Briefe zu schreiben. Sie schreibt an Charley, der sie vor rund 20 Jahren verlassen hat, und teilt ihm kleine Begebenheiten aus ihrem Leben, vor allem aber ihre Gedanken mit. Gedanken, die permanent Briefe an Charley um das abwesende, nicht antwortende Liebesobjekt kreisen und es so präsent halten, sich mögliche Leben für ihn ausdenken. Nach anderthalb Monaten merkt die Briefverfasserin, dass sie sich von Charley "wegschreiben" sollte, statt zu ihm ihn, und hört schließlich ganz damit auf. "Endlich!", will man ihr zurufen, denn das hadernde Selbstzerpflücken dieser Frau, die über der Fixierung auf Charley ihr Leben verpasst hat, ist ermüdend und wirkt stellenweise befremdlich. Weil die Schreiberin ahnt, dass Charlie ihre Briefe nicht lesen wird, richtet sie sich darin bereits an ein potentiell größeres Publikum. Mit häufigen Einschüben wie "schreibe ich an CHARLEY" schafft Annette Pehnt noch mehr Distanz zwischen Leserin und Figur. Die vielen Briefen vorangestellten Auszüge aus Roland Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe", deren prägnanten Aussagen Pehnt im nachfolgenden Text auszuführen scheint, haben mir an diesem Roman, der kein Lese-Muss darstellt, am besten gefallen.

Barbara Sckell

Barbara Sckell

rezensiert für den Borromäusverein.

Briefe an Charley

Briefe an Charley

Annette Pehnt
Piper (2015)

173 S.
fest geb.

MedienNr.: 583558
ISBN 978-3-492-05728-8
9783492057288
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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